Die „Jungs für’s Grobe“: Nazis als Unternehmer

| von Rüdiger Löster

Online-Shop 'Versand der Bewegung' Erst vor kurzem ging es durch die Medien: ein Unternehmen aus Jamel wurde mit der Sanierung des Kieler Amtsgerichtes beauftragt. Ein Unternehmen, das mit dem Motto „Die Jungs fürs Grobe“ Werbung macht und das dem NPD-Funktionär Sven Krüger gehört. Sven Krüger gehört dem Landesvorstand Mecklenburg-Vorpommern der NPD an, mehr als ein Dutzend Vorstrafen und unzählige Ermittlungsverfahren gehen auf das Konto des Abrissunternehmers, u. a. wegen Landfriedensbruch. Deshalb und weil befürchtet wurde, dass das mit dem Auftrag verdiente Geld in die Finanzierung der Nazi-Szene fließen könnte, wurde der Firma inzwischen der Auftrag entzogen. Grund genug, uns einmal anzuschauen, wie die Situation in Bayern ist.

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Klar gibt es auch in Bayern die in der rechten Szene üblichen Firmen, betrieben durch bekannte Rechtsextremisten: Tattoo-Läden, Gaststätten, Versandhandel. Am bekanntesten dürften der in Geiselhöring ansässige Wikinger-Versand (Wikinger GmbH) des Siegfried Birl und der in Wackerdorf ansässige „Final Resistance Versand“ des Daniel Weigl sein. Daneben gibt es noch den Patriaversand, Kirchberg, Lkrs. Erding (Der Hauptgeschäftsführer kreierte die Kleidermarke „CONSDAPLE“. Beim Tragen halboffener Jacken über T-Shirts mit dem Aufdruck „CONSDAPLE“ ist für den Betrachter die Abkürzung NSDAP zu lesen) sowie den „Versand der Bewegung“ ehemals „Sturmversand24“ in Murnau, Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Betreiber ist der Vorsitzende des NPD-KV Oberland, Matthias Polt. Regelmäßig werden Ladensonderverkäufe mit rechtsextremistischen „Liederabenden“ durchgeführt. Es gibt also auch in Bayern inzwischen eine ganze Reihe von Menschen, die vom und mit dem Rechtsextremismus ganz gut leben können.

Aber es gibt auch in Bayern einige Unternehmen, die auf den ersten Blick nicht der rechten Szene zuzuordnen sind, die versuchen, als ganz „normale“ Firmen aufzutreten und damit Kunden zu fangen. Vier davon aus verschiedenen Branchen wollen wir exemplarisch vorstellen.

Sicherheitsdienst

Da ist zunächst der „Taranis Sicherheitsdienst“ des Sascha Roßmüller und Bernd Weishäupl. Dieser Sicherheitsdienst erscheint auf seiner Internetseite wie jeder andere Sicherheitsdienst: „Taranis-Sicherheitsdienst steht für hohe Ansprüche im Bereich seiner angebotenen Dienstleistungspalette. Die Kombination von Qualität und Erfahrung bilden die Grundlage für eine zufriedenstellende Auftragserfüllung“ und „Unsere Mitarbeiter sind speziell auf eine allseitig routinierte Grundsensibilität sowohl bei Lageeinschätzung wie auch bei der konkreten Aufgabenerfüllung trainiert“. Referenzen werden mit Hinweis auf den Datenschutz keine in der entsprechenden Rubrik angegeben.

Aber schauen wir uns doch mal einen der Firmenchefs genauer an: Sascha Roßmüller. Er begann seine Karriere bereits mit 17 Jahren als Funktionär in der Nazi-Gruppe „Nationaler Block“, die 1993 verboten wurde. Seit Ende 2002 ist er stellvertretender Vorsitzender des NPD-Landesverbandes Bayern und gehörte zeitweise dem NPD-Bundesvorstand an.  Zwischen 1999 und 2002 war Roßmüller auch Bundesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten/JN. Er gehört außerdem dem Rockerclub „Bandidos“ in Regensburg an. Rockergruppierungen wie die „Bandidos“ oder die „Hells Angels“ werden wegen organisierter Kriminalität intensiv von der Polizei beobachtet.

Mit seiner Äußerung »Dereinst werden ›Andere‹ in Nürnberg hängen«, anlässlich einer Demonstration in Nürnberg, bedrohte Roßmüller politische Gegner mit dem Tode. Alles natürlich die besten Voraussetzungen, ein seriöses „Sicherheitsunternehmen“ zu führen und ein deutliches Zeichen einer „routinierten Grundsensibilität“…

Und die Mitarbeiter sind anscheinend auch der Nazi-Szene zuzurechnen. So gibt z. B. Patrick Schröder auf seinem Facebook-Profil (recherchiert am 17.01.2011) den Taranis Sicherheitsdienst als Arbeitgeber an. Patrick Schröder zählt zu den führenden Mitgliedern der bayerischen NPD. Seit mehreren Jahren ist er Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Weiden/Oberpfalz. Er nimmt er eine wichtige Schnittstelle zur regionalen Kameradschafts-Szene ein.

Werbeagentur

In Unterfranken, genauer in Aschaffenburg, gibt es die Werbeagentur „Propagandakompanie“. Diese gehört Falko Schüßler. Schüßler war Funktionär der 1995 verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP), u. a. als bayerischer Landesvorsitzender. Er war in Unterfranken in der „Anti-Antifa-Arbeit“ engagiert und vor ihrem Verbot in der rechtsextremen Wiking-Jugend. Heute ist er dem Umfeld der „freien Kameradschaften“ zuzurechnen.

Seine Werbeagentur entwirft Umschläge für Nazi-Musik-CDs und Motive für Nazi-T-Shirts. Allerdings zählen entsprechend den Angaben auf der Internetseite auch eine Reihe von anderen Firmen zu seinen Kunden: so z. B. die Betriebskrankenkasse Opel (BKK Opel), die Audi Betriebskrankenkasse und der Lions Club Rüsselsheim. Firmen, die nicht wissen, wen sie damit finanzieren?

Theater

Und einer seiner Kunden ist das „Theater Hollerbusch“ seiner Frau Sigrid Schüßler (Mitglied des bayerischen Landesvorstandes der NPD). Sigrid Schüßler ist Schauspielerin, nach mehreren Engagements an großen Theaterbühnen machte sie sich 2004 mit dem Theater „Hollerbusch“ selbständig und erhielt 2005 dafür den Aschaffenburger Existenzgründerpreis. Was der Jury nicht bekannt war: Seit 2004 tourt Sigrid Schüßler als »Hexe Ragna« nicht nur durch verschiedene Grundschulen und Kindergärten, sondern tritt auch im Kinderprogramm von NPD-Ver­anstaltungen auf. Ihr »Theater Hollerbusch« wurde zu Veranstaltungen des Kreisjugendamtes Aschaffenburg und in mehrere Kindergärten eingeladen. Nach verschiedenen Berichten werde bei den Auftritten versucht, in Abwandlung bekannter Märchen unterschwellig rechtes Gedankengut einzubauen und damit bei den Kindern zu verbreiten.

Zusammen mit der Sozialarbeiterin Iris Niemeyer gründete sie »Jeanne D.« – eine »Selbsthilfegruppe für politisch verfolgte Frauen in Zeiten der BRD«. Zweck der Organisation ist die Vernetzung rechtsextremer Frauen.

Consulting

Von der privaten Kranken- und Pflegeversicherung bis hin zur Umschuldung, der Baufinanzierung, der betrieblichen Alterversorgung und der „Konsumfinanzierung“ reicht das Angebot der Neumarkter Spichal-Consulting des stellvertretenden NPD-Kreisvorsitzenden Tristan Spichal.

Wir sind ein freies Maklerbüro, welches mit allen relevanten Gesellschaften im Bereich Finanzen zusammenarbeitet. Wir sehen unser Handeln als Konsequenz einer verfehlten Sozialpolitik der heutigen Bundesregierung und der noch immer andauernden Wirtschafts – und Bankenkrise. (…) Wir, die Spichal Consulting unterstützen jeden Kunden und jede Firma, dessen Schöpferkraft auf persönlicher Leistung beruht. Es ist unser Bestreben möglichst viele Einzelpersönlichkeiten zu wirtschaftlicher Selbstständigkeit zu bringen und sie von dem Privatsozialismus der Konzerne zu bewahren“ ist auf der Homepage der Firma zu lesen.

Und gleich auf der Titelseite der Internetpräsenz von Spichal-Consulting wird den potenziellen Kunden die Zeitschrift „Zuerst!“ zur Lektüre empfohlen: „Wir empfehlen unseren Mandanten: “Die Zeitung zuerst“. Hier erhalten Sie stets aktuelle allgemeinpolitsche und wirtschaftliche Ansichten“ (Rechtschreibfehler im Original). Es handelt sich dabei um die Nachfolgezeitschrift der rechtsextremen Monatszeitschrift „Nation und Europa“. Verleger von „Zuerst!“ ist der Neonazi Dietmar Munier, der seit Jahren im rechten Verlagswesen eine Scharnierfunktion zum organisierten Neofaschismus einnimmt.

Neben dem Eigentümer Spichal ist Benjamin Boss als Vertriebsleiter für die Consultingfirma tätig. Boss ist im Umfeld der „Nationalen Sozialisten Amberg“ aktiv, eine Gruppierung, die schon durch Gewalttätigkeiten aufgefallen ist und gemeinsam mit der NPD beispielsweise Veranstaltungen durchführt, bei der bekannte Holocaust-Leugner oder verurteilte Nazi-Terroristen wie Peter Naumann auftreten, der einen Vortrag unter dem Motto „Werwolf – Kommandounternehmen Ende der 70er-Jahre“ hielt.

Diese wenigen Beispiele zeigen: Nazis kommen inzwischen nicht mehr in Bomberjacke, Springerstiefel und mit Glatze daher. Ganz im Gegenteil. Es gibt eine langfristige Strategie, alle Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu unterwandern. Man geht in Sportvereine, in die Freiwillige Feuerwehr, ins THW, lässt sich in den Elternbeirat wählen. Alles um diese erreichten Positionen dann zu einem geeigneten Zeitpunkt politisch nutzen zu können. Zu dieser Strategie gehört auch die Gründung eigener Firmen, die nach außen hin auf den ersten Blick wie jedes andere Unternehmen tätig sind. Aber nur auf den ersten Blick: schaut man genauer hin, wird schnell deutlich, dass auch dies dazu dient, die menschenfeindliche Naziideologie zu verbreiten und die Träger dieser Ideologie als ganz „normale“ Geschäftspartner in der Gesellschaft zu verankern. Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten und deren Ideologie spielt sich nicht im luftleeren Raum ab, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen.