Braune Weihnachtsmänner

| von Johannes Hartl

Auch schon im 2012: das FNS auf Weihnachtsmärkten (Screenshot Internetseite des FNS)
Auch schon im 2012: das FNS auf Weihnachtsmärkten (Screenshot Internetseite des FNS)

Auf Weihnachtsmärkten versuchen Neonazis aus den Reihen des „Freien Netz’ Süd“ derzeit wieder ihre Ideologie zu verbreiten – zugleich wollen sie mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen.

Mit freundlicher Genehmigung von »blick nach rechts« übernommen

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Die Adventszeit lockt auch in Bayern immer viele Menschen auf die Weihnachtsmärkte der Städte. Bei angenehmer und besinnlicher Atmosphäre schlendern Familien mit Kindern zwischen den einzelnen Verkaufsständen hin und her, während sich andere Leute bei einem Glühwein gemütlich unterhalten. Doch genau diese Unbeschwertheit nutzen Neonazis des „Freien Netzes Süd“ (FNS) gezielt für die Verbreitung von brauner Propaganda aus. Immer wieder haben sich Aktivisten des FNS in der Vorweihnachtszeit unter Weihnachtsmarkt-Besucher gemischt – und mit unverfänglich wirkenden Aktionen rechtsextreme Flugblätter verteilt.

Zuletzt sind Neonazis des „Aktionsbündnis Oberbayern“ nach Informationen von bnr.de im oberbayerischen Freilassing mit einer solchen Aktionen aufgetreten. Augenzeugenberichten zufolge haben „junge Männer“ Anfang Dezember Pakete an Passanten verteilt, die „selbstgebackene Leckereien aus der Region“ enthalten haben sollen. Natürlich schöpfte zunächst niemand Verdacht. Erst, als die Bürger im Landkreis Berchtesgadener Land die Pakete öffneten, fanden sie dort – neben den vermeintlichen „Leckereien aus der Region“ – auch einschlägige Flugblätter, die sich angeblich um die „Tradition der Weihnachtsmärkte sorgten“. Außerdem wurde auf den Flyern – wie bei Neonazis üblich – „Heimat und Tradition“ beschworen.

„Denkansätze unter die Leute bringen“

Verantwortlich für die Publikation zeichnet das „Aktionsbündnis Oberbayern“, das wiederum dem „Freien Netz Süd“ zugehörig ist und laut Angaben der Behörden etwa 30 Personen zählt. Das im Großraum Oberbayern aktive „Aktionsbündnis“ setzt sich aus verschiedenen Neonazi-Netzwerken zusammen, darunter Gruppierungen aus den Regionen Altötting, Mühldorf/Waldkraiburg und Berchtesgadener Land. Die seit August dieses Jahres weitestgehend verwaiste Homepage führt dem Impressum zufolge der Neonazi-Aktivist Daniel Petzold aus Mettenheim. Neben der Beteiligung an Aktionen des FNS fiel das „Aktionsbündnis Oberbayern“ in der letzten Zeit vor allem durch Flugblattverteilungen auf.

Die Strategie, sich getarnt und mit rechter Propaganda unter Weihnachtsmarkt-Besucher zu mischen, ist nicht neu. Bereits in den Vorjahren traten Aktivisten des FNS in der Adventszeit als Weihnachtsmänner verkleidet bei Weihnachtsmärken mit Verteilaktionen in Erscheinung. Im Dezember 2012 wandten sich Neonazis beispielsweise in Landsberg in Oberbayern mit der „unkonventionellen Propagandaaktion“ unter dem Motto „Heimat beschützen – Tradition bewahren“ an die Öffentlichkeit. Eine ähnliche Aktion im selben Zeitraum gab es 2012 auch in München, wo laut FNS „Denkansätze unter die Leute“ gebracht werden sollten.

„Amerikanisierung nicht nur in den Begrifflichkeiten“

Worum es den Neonazis bei diesen Aktionen wirklich geht, erklärt das „Freie Netz Süd“ selbst auf seiner Homepage. „Schon vor Jahren wurde Weihnachten kommerzialisiert und die Amerikanisierung macht sich nicht nur in den Begrifflichkeiten deutlich bemerkbar“, heißt es Bezug nehmend auf den Antiamerikanismus und die damit verbundene „Besatzer-Raus-Forderung“ des FNS in einem Artikel auf der Homepage. Wenn sich Neonazis also angeblich um die „Tradition der Weihnachtsmärkte“ sorgen, geht es ihnen dabei weder um die Weihnachtsmärkte noch um die Bürger, sondern lediglich um die Verbreitung ihrer Ideologie.

Weihnachtsmärkte eignen sich zu diesem Zweck besonders gut: Einerseits rechnen die Bürger/innen dort nicht mit solchen Aktionen und freuen sich natürlich im ersten Augenblick über Geschenke, andererseits werden die oftmals verkleideten Neonazis nicht gleich als solche erkannt und können somit ungestört ihre Aktion fortsetzen. Das Auftreten als Weihnachtsmann bietet für Angehörige der Neonazi-Szene überdies die Gelegenheit für Gespräche, in deren Verlauf sie selbst subtil für ihre Ideologie werben können. So wird von ihnen beispielsweise der vermeintliche „Verlust oder Verfall alter Werte“ beklagt, womit sie aber – gut versteckt – radikale rechtsextreme Themen meinen, ohne gleich verdächtig zu wirken oder aufzufallen. Zugleich bieten derartige Gespräche für die FNS-Aktivisten die Möglichkeit, sich gegenüber Passanten als harmlos und bürgernah zu inszenieren.

Geschickt getarnte Strategie

Mit einem Interesse an Weihnachten hat das Auftreten der Neonazis jedoch wenig zu tun. Entgegen den Behauptungen lehnt die rechte Szene Weihnachten „kollektiv ab“, berichtet der Neonazi-Aussteiger Felix Benneckenstein gegenüber bnr.de. Insbesondere der „jüdische Ursprung des Christentums“ und der „Vorwurf des Kommerz“ führten bei der Szene zu einer „Ablehnung“. Anstelle von Weihnachten würden Neonazis lieber ein „heidnisches Julfest installieren“, wie es vom FNS auch regelmäßig gefeiert und thematisiert wird.

Hinter den Verteilaktionen auf Weihnachtsmärkten steckt folglich eine geschickt getarnte Strategie, um unter einem harmlosen Deckmantel rassistische und menschenverachtende Flugblätter zu verteilen. Nebenbei soll durch einen Trick der Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern hergestellt werden. Die Neonazi-Szene erhofft sich dadurch, ihr Image in der Bevölkerung verbessern und weitere Anhänger und Sympathisanten für die Ziele des „Freien Netzes Süd“ gewinnen zu können.