Wir waren glücklich

Gedenkfeier für die Opfer des Brandanschlages von Schwandorf
Gedenkfeier für die Opfer des Brandanschlages von Schwandorf

Am Freitag den 17.12.2010 jährte sich zum 22. Mal die Nacht des Brandanschlags. Lange vor den Anschlägen in Solingen oder Mölln hatte 1988 in Schwandorf ein mehrheitlich von türkischen Menschen bewohntes Haus gebrannt. Zum Gedenken an die Opfer lud die Stadt Schwandorf mit Oberbürgermeister Helmut Hey (SPD) an der Spitze zu einer Gedenkveranstaltung in den Alten Pfarrhof St. Jakob ein.

„1964 ist mein Vater als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, wir lebten zu sechst in diesem Haus. Mein Vater hat 22 Jahre lang unter schweren Bedingungen im Fromberger Eisenwerk gearbeitet und meine Mutter etwa 10 Jahre bei Siemens in Amberg. Das alles, um ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. Wir waren glücklich. Deutschland war zu unserer zweiten Heimat geworden und wir führten ein friedliches Leben, bis zum 17.12.1988“

Mit diesen Worten fasste Leyla Kellecioglo die Geschichte ihrer Familie zusammen. Es fällt ihr immer noch sichtlich schwer, über die damaligen Ereignisse zu sprechen. Sie selbst war, wie ihre beiden Schwestern, nach der Heirat ausgezogen, zurück blieben der Vater Mehmet Can, die Mutter Fatma und der kleine Bruder Osman.
Sie kamen zusammen mit Jürgen Hübener, ebenfalls Bewohner des sogenannten Habermeier-Hauses, am 17.12.1988 um, als der stadtbekannte Neonazi Josef S. Feuer legte. „Ich bete, dass keinen das gleiche Schicksal wiederfährt, wie uns.“

Der Einladung gefolgt waren neben dem Landtagsabgeordneten Franz Schindler und Bürgermeisterin Ulrike Roidl (beide SPD) weitere Stadträte und Ortssprecher, Vertreter der beiden christlichen Kirchen und des türkisch-islamischen Kulturvereins. Wie im vergangen Jahr nahmen auch die türkische Generalkonsulin Ece Öztürk Cil und der türkische Attaché für Religionsangelegenheiten, Dr.Cafer Acar, an der Gedenkveranstaltung teil.

Die Stadt wolle, so der Oberbürgermeister in seiner Begrüßung, ein lebendiges Zeichen setzen: „Wer mit rassistischen und nationalistischen Vorurteilen versucht, ausländische Mitbürger oder Mitbürgerinnen auszugrenzen, wer sich über Grenzen von Moral, Toleranz und sittliche Werte hinwegsetzt, kann und darf nicht mit stillschweigendem Einverständnis rechnen.“

Eben dies begünstigte damals die Tat des Schwandorfer Neonazis. Darauf wies Günter Kohl, Sprecher des Schwandorfer Bündnisse gegen Rechtsextremismus hin, dessen Rede krankheitsbedingt nur verlesen werden konnte. Kohl unterrichtete als junger Lehrer den späteren Täter, der als Maler- und Lackiererlehrling das staatliche Oskar-von-Miller-Berufsschulzentrum besucht. „Wir Lehrer wussten um seine rechtsextremistische Gesinnung, aber zur damaligen Zeit wurde die Thematik grundsätzlich verharmlost. Bei uns hieß es, der Auszubildende sei ein Spinner und Einzelgänger, den man nicht ernst zu nehmen brauche. Eine Fehleinschätzung. Wir waren schockiert und anfangs sprachlos. Das Berufliche Schulzentrum ist sich aber im Verlaufe der vergangen zwei Jahrzehnte seiner Verantwortung bewusst geworden, hat viele Schulprogramm zur Prävention rechter Gewalt initiiert und gilt mittlerweile über Bayern hinaus als eine der Vorzeigeschulen in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalismus.
Der Schmerz sitzt aber nach über 20 Jahren immer noch tief und es ist unsere Verpflichtung, die Erinnerung an diesen traurigen Tag wach zu halten. Vor allem den nachkommenden jungen Menschen müssen wir davon erzählen und ihnen vor Augen halten, welche mörderische Konsequenz in einem Denken und Handeln liegt, dass die Würde des einzelnen Menschen nicht anerkennt, das hinsichtlich der Wertigkeit einen Unterschied machen will zwischen Personen verschiedener Herkunft, das zwischen der blutmäßigen Verbindung zwischen den Mitgliedern eines statisch verstandenen Volksganzen ausgeht, in dem Menschen anderer Herkunft keinen Platz besitzen würden.“ Kohl verwies auf das hohe Maß an antidemokratischen und ausländerfeindlichen Einstellungen, die bei Befragungen durch die Universität Leipzig ermittelt wurden und
verurteilte die populistische Schwarz-Weiß-Malerei einzelner „selbsternannter Experten“ wie Thilo Sarrazin, die der sachlichen Diskussion schadeten und Rechtsextremisten in die Hände spielen.

Generalkonsulin Ece Öztürk Cil würdigte in ihrer Rede den Beschluss des Stadtrates, jedes Jahr in einer Gedenkverstaltung der Opfer des Brandanschlages zu erinnern. Er verdeutlicht in ihren Augen den verantwortungsvollen Umgang der Stadt Schwandorf. Von der Veranstaltung gehe die eindeutige Botschaft aus, dass „wir Fremdenhass ächten und keine einzige Untat mit diesem Motiv tolerieren. Vor genau 22 Jahren mussten vier Menschen ihr Leben lassen, weil es manchen in dieser Gesellschaft mangelte, Grundlagen der Kultur des Zusammenlebens mit Menschen einer anderen Herkunft zu verinnerlichen, geschweige denn, sie auszuleben.“

Die Gedenkstunde wurde von Vertretern der beiden christlichen Kirchen und der islamischen Gemeinde mit Gebeten und Liedern umrahmt. Gemeinsamt stiftet man zwei Kerzen mit Friedenstaube und Rosen, um mit den Symbolen die Bedeutung eines friedlichen Zusammenlebens zu unterstreichen.

Den Abschluss bildete eine Mahnwache an der Gedenktafel für Mehmet, Fatma, Osman Can sowie Jürgen Hübener in der Innenstadt, bei der mit Blumen und Kerzen der Opfer gedacht wurde.