Tønsberg geht – wir bleiben!

Tønsberg geht - wir bleiben!
Tønsberg geht - wir bleiben!

Am 07.01.2011 ist der Spuk vorbei – «Tønsberg» verschwindet aus der Dr. Kurt-Schumacher-Straße in Nürnberg. Und ab 15.00 Uhr wird vor dem dann leeren Laden gefeiert! Seit 2008 war Nürnberg mit dem Ladengeschäft Tønsberg» gegenüber dem Gewerkschaftshaus konfrontiert, welches die bei Nazis beliebteste Modemarke Thor Steinar verkauft. Innerhalb kurzer Zeit ist dies die zweite Niederlage, die Thor Steinar in Nürnberg hinnehmen musste: im Herbst 2010 gewann Storch Heinar den Prozess gegen Thor Steinar, jetzt muss der Laden schließen.
Endstation Rechts. Bayern sprach mit Ulli Schneeweiß von ver.di über diesen Erfolg.

Endstation Rechts: Vor zwei Jahren eröffnete in unmittelbarer Nähe des Nürnberger Gewerkschaftshauses Tønsberg, ein Laden, die Thor-Steinar-Kleidung verkaufte. Was war eure erste Reaktion?

Ulli Schneeweiß: Die allererste Reaktion kam Ende November 2008 von unseren Gewerkschaftsjugenden und diversen autonomen Gruppierungen. Thor Steinar war ein echtes Feindbild und innerhalb kürzester Zeit haben jene bei Eiseskälte Flugblattverteilaktionen rund um die Uhr vor dem Laden organisiert. Viele Menschen wussten mit der Bekleidungsmarke Thor Steinar zunächst auch gar nichts anzufangen. Da steht ja nicht direkt „Heil Hitler“ oder so was drauf. Die Doppel-Sig-Rune ist beispielsweise geschickt im Markenlogo versteckt. Und Symboliken wie etwa die sog. Schwarze Sonne oder verschiedentliche Hinweise auf das rechtextreme Thule-Seminar gehören nicht gerade zur Allgemeinbildung. Das alles sagt der rechtsextremen Szene natürlich was und stiftet bei jenen Identität und Zusammengehörigkeitsgefühl. Genau das ist auch Sinn und Zweck der Marke: Sportlich-schick die eigenen Symboliken und Inhalte in der Mitte der Gesellschaft zu verorten, ohne dass diese rechtzeitig was davon merkt.

Jedenfalls ist es den Ladenbetreibern hier von vorneherein nicht gelungen, sich als ganz normales Bekleidungsgeschäft zu verkaufen. Eine Demo am 20.12.2008 mit 2000 TeilnehmerInnen bildete dann den ersten Höhepunkt der Auseinandersetzung.

Endstation Rechts: Wie reagierte der Vermieter, als er feststellte, um wen es sich bei den Mietern handelte?

Ulli Schneeweiß: Der Vermieter war zunächst tatsächlich ahnungslos, hat auch mit Neonazis nichts am Hut. Nachdem er schnell feststellte, dass massive Proteste gegen das Ladengeschäft entstanden waren, hat er den Mietvertrag auch vor Gericht angefochten. In der ersten Instanz war er leider vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth im Juni 2009 erfolglos. Im Gegensatz zu seinem Rechtsanwalt war das Gericht der Meinung, dass es ausreicht, wenn der neue Mieter sagt, welche Bekleidungsmarken er verkaufen will. Der Mieter müsse nicht sagen, ob bei dem Verkauf Proteste zu erwarten sind. Damit war der Vermieter freilich nicht zufrieden und ging in die zweite Instanz.

Endstation Rechts: Zwei Jahre kontinuierliches Engagement gegen den Laden: wie habt ihr das geschafft? Welche Organisationen beteiligten sich? Was waren die herausragendsten Aktionen?

Ulli Schneeweiß: Wenn eine solche Kampagne gelingen soll, braucht es dreierlei:

Erstens braucht es extrem langen Atem. An einen solchen ist eine Gewerkschaft freilich gewöhnt, normale Bürgerinitiativen wären damit in aller Regel überfordert. Auch eine Gewerkschaftsjugend alleine mit einem hohen Maß an Fluktuation könnte diesen nicht aufbringen. Das war dann auch der Grund, dass wir als Gesamtorganisation ab März 2009 die Verantwortung für die Kampagne übernommen haben. Langer Atem muss auch konzeptionell geplant sein. Es bringt nichts, solange 120 Prozent zu geben, bis einem die Puste ausgeht. Auch daran haben wir unseren Plan ausgerichtet. Dieser sah nach einer Informationskampagne zum Thema „Neue Nazis tarnen sich“, anschließende Mini-Max-Strategien vor mit dem Ziel einer Verbreiterung des Protestes in verschiedentliche Organisationen hinein vor.

Zweitens muss
eine solche Kampagne breit anschlussfähig sein. Wir wollen ja den Rechtsextremisten eine breite gesellschaftliche Ablehnung entgegenstellen. Aktionen des zivilen Widerstandes wie etwa bei der Blockade von Naziaufmärschen haben ihre absolute Berechtigung. Da kann aber nicht jeder mit. Die Ablehnung von Äußerungsformen des Neofaschismus darf jedoch nicht banal sein, konkret musste sie also immer über das Thema Bekleidung hinausgehen. Deshalb haben wir uns insbesondere im Jahr 2009 zu Aktionsformen entschlossen, die immer mit einem Augenzwinkern verbunden waren und dennoch Inhalte transportierten. Wenn wir etwa symbolisch zur Europawahl 3 „Braune“ im Weggla verzehrten, machten auch Oma und Opa von nebenan mit und die Presse hatte ihr Bild. Ebenso brachten viele gerne ihre Altkleider zu unserer Aktion „Naziklamotten umtauschen“ mit. Auch bei unserer symbolischen Sitzblockade vor dem Laden aus Solidarität mit den verurteilten Blockierern von Gräfenberg waren beispielsweise unsere ver.di-Senioren extrem gut vertreten. Irgendwann wurden diese und ähnliche Aktionen zum Selbstläufer, sodass selbst schwierigere Aktivitäten breiten Anschluss fanden: Wir hätten nicht gedacht, dass bei unserer Aktion „Rock gegen Rechts“ tatsächlich über 20 Männer in Röcken vor den Laden traten. Dier Aktionen entwickelten eine deutliche Eigendynamik, die Leute wollten mitmachen und hatten auch – soweit dies bei dem Thema möglich ist – Spaß dabei. Natürlich gehören auch „Klassiker“ wie ganz normale Flugblattverteilaktionen oder etwa ein Fest vor der Bundestagswahl gegen Nazis zu so einer Kampagne. Die Unterstützer reichten daher von diversen Parteien über antifaschistische Gruppierungen, Wohlfahrtsverbände, Anwaltssozietäten bis hin zu Schulen

Drittens ist natürlich die Zusammenarbeit mit dem Vermieter und seinem Anwalt ganz entscheidend gewesen – die rechtlichen und politischen Schritte mussten aufeinander abgestimmt sein.

Endstation Rechts: Wie geht es weiter? Auch wenn der Laden zu ist: die Nazis, die dort gekauft haben, wird es weiter in Nürnberg geben…

Ulli Schneeweiß: Natürlich ist durch einen Wegzug aus der Nürnberger Dr. Kurt-Schumacher-Straße nur Eines belegt: Es kann gelingen, Nazis von einem Ort zu vertreiben. Das haben die Gräfenberger mit den Naziaufmärschen geschafft und das haben wir auch geschafft. Schließlich war der Nürnberger Kornmarkt als Platz zwischen dem Laden und dem Gewerkschaftshaus von sog. freien Kameradschaften zum „Hauptkampfgebiet“ erklärt worden. Davon ist seit Monaten nichts mehr zu spüren. Aber bei aller berechtigter Freude: Die Ideologie, die Personen und auch die Strukturen der Nazis bestehen freilich fort. Daher darf und wird es auch kein Ende der Auseinandersetzung mit Rechtsaußen geben. Wir werden weiter den Rechtsextremen entgegentreten, wo auch immer sie auftauchen.