Wie fälscht man Geschichte. Münchner Rechtsextremisten in den Fußstapfen eines Geschichtsfälschers.

Am 13.02.2011 fand in den Abendstunden mit dem Fackelmarsch der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO) der erste Akt der diesjährigen Auseinandersetzungen um die Bombardierung der Stadt Dresden gegen Ende des II. Weltkrieges statt. Und wieder gehen die Zahlen auseinander. Die Veranstalter sprechen von 2.000 Teilnehmern, während des Marsches wurden „aus verlässlicher Quelle“ 2.500 Teilnehmer getwittert. Die Gegenseite spricht von 1.000 bis 1.600. Die Polizei sagt 1.291.

Deutlich größer, als bei der Frage der Teilnehmerzahlen, ist die Diskrepanz bei der Zahl der Toten, die bei den Angriffen am 13., 14., und 15.02.1945 zu beklagen waren. Bis weit hinein in die konservativen Medien hat sich eine Zahl von etwa 25.000 durchgesetzt. Die Neonazis halten weiterhin an Zahlen von 200.000 bis 250.000 Opfern fest. So auch die Münchner Neonazis, die laut den Einträgen beim Freien Netz Süd in der Woche vor dem Trauermarsch mit mehreren Kleinstaktionen auf das Thema hinwiesen. Folgt man den Berichten des rechtsextremen Bündnisses „Gegen das Vergessen“ ist das lediglich eine Minimalzahl, die nach oben offen ist. Was die «Division Franken» bei ihrer «Schulungsveranstaltung» letztes Wochenende gleich ausnutzt und die Zahl um 100.000 auf 350.000 erhöht

Eine Angabe, woher und wie sie auf ihre Zahlen kommen, findet sich bei den Rechtsextremisten wie üblich nicht. Sie dürften wahrscheinlich von David Irving stammen, der die beiden Zahlen lange Zeit in seinen Büchern über Dresden verwendete. 2010 empfahlen die Nationalen Sozialisten Amberg das Buch den Besuchern ihrer Homepage. Dabei sind die Zahlen Irvings längst als Fälschungen entlarvt.

Eine einzigartige Quelle
Aufschluss über die Methoden von Irving liefert eine einzigartige Quelle. 1996 verklagte David Irving die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt und ihren Verlag Penguin Books wegen Verleumdung, übler Nachrede und Geschäftsschädigung. Lipstadt hatte in ihrem Buch Denying the Holocaust Irving als Wortführer der Holocaust-Leugnung bezeichnet und Geschichtsfälschung vorgeworfen.

Für die Verteidigung engagierte Penguin Books eine Reihe von Historikern. Richard J. Evans, Professor für Neuere Geschichte an der Cambridge University fiel es zu, Irvings Methoden zu untersuchen. Nach den Regeln des englischen Prozessrechts musste Irving der Verteidigung seine gesamte Korrespondenz zur Verfügung stellen. Evans konnte so ein genaues Bild gewinnen, wie Irving zu den Zahlen kam. Ein vernichtendes Bild.
Im Kreuzverhör hatte Irving die Gelegenheit, den Eindruck zurechtzurücken. Der Prozess bot zudem weitere Möglichkeiten historischer Wahrheitsfindung. Verschiedene Strategien, auf denen auch z.B. die von Rechtsextremisten praktizierte Wortergreifung basiert, waren vor Gericht nicht möglich: Behauptungen in den Raum stellen, ungenaues Zitieren, Wortverdrehungen, Themensprünge. Bestand Uneinigkeit, konnten sowohl Passagen aus den Büchern Irvings, zitierte Quellen als auch aus den Gutachten der Verteidigung vorgelesen werden und um jede mögliche Auslegung gestritten werden. Frühere Aussagen in Zeugenstand konnten anhand des Wortprotokolls überprüft werden. Auch Irvings manipulativer Umgang mit der Opferzahl, mit der die Rechtsextremisten heute immer noch „hausieren“ gehen, führte zur Abweisung der Klage durch den High Court in London im Frühjahr 2000. Irving darf seitdem gerichtlich anerkannt als Geschichtsfälscher und Holocaust-Leugner bezeichnet werden.

Irving und die Opferzahlen
Evans hat seine Ergebnisse zu Irvings Methoden als Buch (Richard J. Evans: Lying about Hitler, History, Holocaust and the David Irving Trial, dt: Der Geschichtsfälscher, Frankfurt 2001, zitiert: Evans Seite.) veröffentlicht. Sie wurden gerichtlich anerkannt.

Irvings erste Opferzahl betrug 135.000, Zahlen anderer Autoren, die zwischen 35.000 und 40.000 annahmen, verwarf er als zu niedrig [Evans S.
196]. 1964 erwarb er ein Dokument mit der Überschrift „Der Höhere SS und Polizeiführer Dresden: Tagesbefehl: Nr.47, Luftangriff auf Dresden“ (TB 47). Es berichtete neben den Schäden auch von 202 040 geborgenen Opfern und prognostizierte etwa 250.00 Opfer der Angriffe. Der TB 47 war allerdings keine Neuentdeckung. 1955 hatte der frühere Dresdener Bürgermeister Max Seydewitz über das Dokument geschrieben und es als Fälschung verworfen [Evans S.198]. Irving hatte aber nun ein Schriftstück in der Hand, das eine Zahl zu beweisen schien, an die Irving glauben konnte und wollte. Er erzählte aller Welt von seiner Entdeckung [Evans S.200]. Doch was hatte Irving erworben? Auf alle Fälle kein Original. Irving bekam das Schriftstück vom Dresdner Fotografen Walter Hahn. Dieser hatte die Vorlage heimlich beim Besitzer, dem Arzt Dr. Max Funfack, abgeschrieben und dann abgetippt. Irving erhielt davon einen nochmals abgetippten Durchschlag. Mit anderen Worten: Irving gründete seine Zahlen auf dem „Durchschlag einer maschinengeschriebenen Abschrift, die ihrerseits die getippte Abschrift einer handschriftlichen Kopie eines Auszugs aus einem unbekannten Dokument war, das durch keinerlei besondere Kennzeichen, wie eine Unterschrift oder einen amtlichen Stempel irgendwelcher Art beglaubigt war“ [Evans S.200]

Man kann sich vorstellen, wie schnell die rechte Szene ein Dokument solcher Verlässlichkeit in Zweifel ziehen würde, wenn es ein wichtiges Detail der Shoa beweisen würde, da sonst nicht anders bewiesen werden könnte. Aber hier wird es geglaubt.
Ab Dezember 1964 wurde die Abschrift sogar als „echt“ verkauft [Evans S.201].

Welche Faktoren hätten Irving stutzig machen müssen?
Zunächst hätte eine Prüfung des erhaltenen Inhalt schon Zweifel nähren können. Das Dokument sprach davon, dass man von den Zahlen öffentlich Gebrauch machen könne, um den wilden Gerüchten entgegenzutreten, die im Umlauf waren. Diese Gerüchte würden die Wirklichkeit „weit übertreffen“. Wenn 200.000 Tote die Wirklichkeit sein sollten, wie groß hätten dann die Gerüchte sein müssen [Evans S.205]?

Weiterhin stimmten, trotz der Schwere des Angriffs, die Relationen nicht. In Hamburg kamen bei einer Zerstörung von 48% der Wohnungen 3,3% der Bevölkerung ums Leben. In Kobe (Japan) bei 50% Zerstörung etwa 1% der Einwohner. 200.000 Tote hätten einer Quote von 20 -40 % entsprochen, auch wenn man die Einwohnerzahl durch Flüchtlinge auf über eine Million anwachsen lässt, was durch seriöse Historiker ebenfalls stark bezweifelt wird.

Umgang mit Widerspruch
Irving versucht weitere Beweise für die Echtheit seines Dokuments zu finden. Je mehr er suchte, auf desto mehr Widersprüche begann er zu stoßen und begann zu manipulierten. Zum einen sollte Funfack, bei dem Hahn das Dokument abgeschrieben hatte, für die Echtheit garantieren. Irving machte aus Funfack den kommissarischen stellvertretenden Chefarzt im Kreis Dresden und als solcher zuständig für den Abtransport und Kremierung sämtlicher Opfer. Den Bericht soll er auf dem normalen Dienstweg erhalten haben. Funfack stellte aber schon 1965 in einem Brief an Irving klar, dass er lediglich Fachurologe im Lazarett war und niemals in einer der von Irving zugeschriebenen Positionen. Die Leichenverbrennungen habe er nur einmal zufällig besucht und von den Opferzahlen immer nur aus dritter Hand erfahren [Evans S.201f].

Auch das Internationale Rote Kreuz versuchte Irving einzuspannen. Laut Irving sei dem Dresdener Stadtkommandanten Karl Mehnert im Beisein einer Delegation aus der Schweiz, die eigentlich Kriegsgefangenenlager inspizieren sollte, am 22.02.1945 ein Zwischenstand von 140.000 Todesopfern gemeldet worden. Das Rote Kreuz hatte Irving allerdings auf seine Anfrage hin mitgeteilt, da es in Dresden keine Kriegsgefangenlager gab, enthielte der Bericht nicht mal Andeutungen über die Luftangriffe [Evans S.211].

Auch bei einem Angehörigen des Räumungsstabes, Theo Miller, fand Irving keine Beweise, sondern entschiedenen Widerspruch. Die von ihm geführte
Statistik sprach von 30.000 Toten. Er wies zudem darauf hin, dass es vollkommen unmöglich war, in der im TB 47 behaupteten Zeit die Masse von Toten zu bergen und zu beerdigen oder zu verbrennen. Schon 40.000 wären eine kaum zu bewältigende Zahl gewesen. Deshalb sei für ihn jede Zahl größer als 50.000 von vornherein unplausibel [Evans S.214]. Auch dieser Brief wurde in der Korrespondenz Irvings gefunden. Dieser überging den wichtigen Zeitzeugen einfach.

Parallel zu Irvings Bemühungen, die Echtheit seines Dokuments zu beweisen, wurde 1965 die Schlussmeldung der Dresdner Polizei über die Luftangriffe, ausgestellt am 15.3.1945, gefunden. Es trug ein Diktatzeichen und die identifizierbare Unterschrift von Wolfgang Thierig, dem verantwortlichen Oberst der Schutzpolizei und den Stempel „geheim“. Es sprach von 18 375 Gefallenen und schätze die Gesamtzahl auf 25.000. 1966 wurden im Bundesarchiv in Koblenz „Lageberichte über Luftangriffe auf Reichsgebiet“ gefunden, darunter eine Meldung des Berliner Polizeichefs (Lagebericht Nr.1404), das das selbe Ausstellungsdatum trug wie Irvings TB 47, aber die niedrigen Zahlen der Dresdner Polizei wiedergab. Auch in dem von Historiker Götz Bergander entdeckten und 1975 veröffentlichten Lagebericht Nr. 1414 des Berliner Polizeichefs vom 3.04.1945, dem letzten Dokument aus der Kriegszeit, in dem die Toten von Dresden Erwähnung finden sollten, war von etwas mehr als 22.000 Toten die Rede [Evans S.216].

Und was machte Irving, nachdem sein Dokument nicht mehr als „echt“ haltbar war? In England bemühte er sich, den durch ihn erzeigten Irrtum zu korrigieren. In einem Leserbrief an die Times vom 7.Juli 1965 erkannte er die Inhalte der neu gefunden Dokumenten mit den niedrigeren Totenzahlen an [nachzulesen unter http://www2.ca.nizkor.org/ftp.cgi/people/i/irving.david/irving-dresden-casualties-01 ]. In Deutschland unternahm er keinen bekannten Versuch gleicher Qualität. Er bezweifelte sogar die Fähigkeit der Polizei in der in den Meldungen genannten Zeit, 18.375 Tote zählen zu können. Nur komisch, dass er bis zur Veröffentlichung der widersprechenden Dokumente nicht daran gezweifelt hatte, dass die Polizei in der Lage gewesen sein sollte, über 200.000 Tote zu zählen [Evans S.219]. In der Folge sprang Irving, je nach Gelegenheit beinahe beliebig zwischen 125.000 Toten und seiner alten Zahl von 250.000.

1977 konnte das Geheimnis um das Schriftstück, das Irving erworben hatte, endgültig gelöst werden. Götz Bergander erhielt von Werner Ehlich, einem ehemaligen Mitglied der Dresdner Polizei eine Abschrift des echten TB 47, die dieser im Rahmen seiner Dienstpflicht von dem Original angefertigt hatte, das er auch persönlich gesehen hatte. Es sprach von 20.204 aktuellen Todesopfern und erwartete 25.000 als möglich Gesamtzahl und sprach von 6.865 verbrannten Opfern. Irving hatte eine Fälschung erworben, in der zu Propagandazwecken, vermutlich in Goebbels´ Ministerium an jede Zahl der Berichts ein „0“ angehängt wurde. [Evans S.220]

Eine politische Zahl
Aber warum um die Zahl streiten? 25.000 sind schon schrecklich genug. Bei den Rechtsextremisten war die Opferzahl schon immer auch eine politische Zahl. Mit über 100.000 Opfern würde der Angriff die Opferzahlen von Hiroshima und Nagasaki nochmals deutlich übersteigen und als bei weitem schlimmster Angriff in die Geschichte eingehen. Mit 25.000 wäre es nur einer von vielen Angriffen im Rahmen der Kriegshandlungen gegen das Dritte Reich.
Die Zahl der Toten spielte aber auch eine Rolle in Irvings Bemühungen, den Holocaust zu relativieren. Er selbst sprach meist von 100.000 Toten, die in Auschwitz in den vieren Jahren (1940 -1944) des Betriebs umgekommen wären, 25.000 durch Exekutionen, der Rest durch die Umstände der Zwangsarbeit. Und Irving stellte dies immer wieder in Relation zu Dresden, wo die Alliierten in nur einer Nacht mindestens so viele Menschen umgebracht hätten, wie die Deutschen in vier Jahren Auschwitz
[Evans S.234].

Auch die extreme Rechte braucht für ihre Selbstbild eine sechsstellige Totenzahl, will sie weiter behaupten, die größten «Verbrechen» in dem Krieg seien an Deutschen begangen worden. Mit ihrem extremen Wahrheitsanspruch verträgt es sich wohl auch nicht, eine einmal getätigte Aussage zu revidieren und von der von Irving etablierten Opferzahl zwischen 200.000 und 250.000 abzurücken. Zum Einen wird einfach weiter von der Echtheit von Irvings früheren Zahlen ausgegangen. Der in Südafrika lebende Rechtsextremist Claus Nordbruch nahm die 250.000 Toten aus Irvings TB 47 (mit den gefälschten Zahlen) zum Ausgangspunkt, um nach Belieben noch weitere Opfer hinzu und kommt dann auf 500.000 bis 600.000 Tote. Eine andere beliebte Strategie ist, die fehlenden Toten mit dem Feuersturm zu erklären. Man habe vielleicht nur 25.000 Tote gefunden, die restlichen seien, quasi beweislos, komplett verbrannt. Die von der Stadt Dresden eingesetzte Historikerkommission http://www.dresden.de/de/02/110/03/historikerkommission/02_materialien.php hat sich auch mit dieser Frage beschäftigt und eine Reihe von Gutachten anfertigen lassen. Sie kommen zu dem Schluss, dass „die im Feuersturm tatsächlich erreichten Brandtemperaturen in der Mehrzahl der Keller- und Straßensituationen nicht ausreichten, Leichen rückstandslos zu verbrennen. Lediglich in einigen wenigen baulichen Situationen können die dafür notwenigen Bedingungen aufgetreten sein. Die Kommission schließt daher aus, dass eine größere Zahl von Menschen – also einige Tausend oder gar Zehntausend – in der Bombennacht quasi „spurlos“ verschwunden seien“ (Abschlussbericht S.65).

Auch der Mitarbeiter des Dresdner Räumungsstabes, Theo Miller, der Irving gegenüber jede Zahl über 50.000 für unplausibel erklärt hatte, wollte höchstens von 20 Prozent weiteren Toten ausgehen, die völlig verbrannt sein konnten [Evans S. 213].
Den wohl besten Umgang mit den Märchen, so findet Richard Evans, hat 1985 ein deutscher Verleger gefunden, als er den Buchumschlag von Irvings Version der Zerstörung Dresdens um das Wort „Roman“ ergänzte. Dem ist nichts hinzuzufügen.