Amberger Neonazis setzen Vortragsreihe fort – Hitler-Stellvertreter Heß glorifiziert

Laut einer Meldung auf der Internet-Seite der sich nun Nationaler Widerstand (früher Nationale Sozialisten) Amberg nennenden Neonazis in der mittleren Oberpfalz, fand am 27. März 2011 eine weitere Vortragsveranstaltung im Raum Amberg statt. Hauptreferent war der Geschichtsrevisionist Dr. Olaf Rose. In der Vergangenheit durften schon der Rechtsterrorist Peter Naumann über seine gewalttätigen Aktionen in den 1970er und 80er Jahren referieren, ein Überlebender des 1943 versenkten Schlachtschiffes „Scharnhorst“ trat als rechtsextremer Zeitzeuge auf und mit Volker Frings einer der deutschen Teilnehmer der Teheraner «Holocaust-Konferenz».

Über Thema und Inhalt macht der Eintrag seltsam kryptische Angaben. Aus dem beigefügten Bild geht aber deutlich hervor, dass der Abend dem Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß gewidmet war. Es zeigt groß die Zahl 1987. Etwas stümperhaft sind noch zwei Hände eingefügt worden, die eine Schnur halten und die Parole „Es war Mord“ teilweise überdecken. Es spielt damit mit der in der rechten Szene weit verbreiteten Ansicht, Heß sei nach über 40 Jahren Haft von den Alliierten ermordet worden.

Heß gehört zudem auch zu den Schwerpunktenthemen des Hauptreferenten Olaf Rose, der der NPD angehört, sowie der Gesellschaft für Freie Publizistik, laut Verfassungsschutz, die größte rechtsextreme Kulturvereinigung in Deutschland.

2004 gab er den im Sinne einer seriösen Dokumentation gehaltenen, geschichtsrevisionistischen Film „Geheimakte Heß“ heraus. Im Dezember 2009 referierte er in Regensburg über Heß, am 26.3.2011, also einen Tag vor dem Vortrag in Amberg, trat er mit dem Thema laut dem Freien Netz Süd im Raum Würzburg auf. Begleitet wurde er dort von Abdallah Melaouhi, dem letzten Pfleger des Hitler-Stellvertreters, der ebenfalls in Amberg gewesen sein dürfte. Der Bericht selbst spricht von „weiteren Rednern“.

Selektive Nazi-Verehrung

Unter den heutigen Neonazis herrscht einer durchaus selektive Verehrung der engeren NS-Führung. Hermann Göring, zweitmächtigster Mann im Dritten Reich nach Hitler und seit 1934 als dessen direkter Nachfolger vorgesehen, wird in der extremen Rechten praktisch überhaupt nicht verehrt. Gründe dürften in dem pompösen nach außen gerne vorgezeigten Lebensstils liegen, die Niederlagen der von ihm aufgebauten Luftwaffe sowie in dem Versuch, kurz vor Kriegsende mit den West-Alliierten zu verhandeln, weshalb ihn Hitler seiner Ämter enthob. Das gleiche gilt wohl auch für Heinrich Himmler, dem Chef der vielfältigen Repressionsorgane des Regimes, der gegen Kriegsende ebenfalls einen Separatfrieden anbot. Sein Stellvertreter Reinhard Heydrich, der „Schlächter von Prag“ steht dagegen höher im Kurs. Josef Goebbels hat im Gegensatz zu Göring und Himmler hingegen heute noch deutlich mehr Anhänger. Die heutigen „Nationalen Sozialisten“ berufen sich häufig auf den „frühen Goebbels“, der bis in die frühen 1930er Jahre immer wieder mit antikapitalistischen Schriften auffiel, eine zeitlang profiliertester Vertreter des „sozialistischen“ Flügels der NSDAP war und dessen provokanten Aktionen als Gauleiter von Berlin Vorbild für heutige Neonazis darstellen. Bei den Militärs wird mit Ausnahme von Karl Dönitz die oberste Führung ausgespart, verehrt werden, meist gezeigt über Avatare in den diversen Foren, berüchtigte Truppenführer wie Oskar Dirlewanger, Sepp Dietrich oder Joachim Peiper, sowie diverse Jagdflieger, U-Boot-Kommandanten und Panzerkommandeure.

Bei Rudolf Heß ist die extreme Rechte in der positiven Bewertung hingegen wieder einig, obwohl auch er, nach seinem Flug nach England 1941, von Hitler aller seiner Ämter enthoben und sogar sein bis dahin bekleidetes Amt, Stellvertreter des Führers, gänzlich abgeschafft wurde. Der Heß-Gedenkmarsch in Wunsiedel entwickelte sich bis zu seinem endgültigen Verbot zum größten Nazi-Aufmarsch Europas mit mehreren tausend TeilnehmerInnen.

Heß-Mythos

Die extreme Rechte schätzt an Heß verschiedene
Faktoren. Zum einen steht Heß durch seine öffentlichen Auftritte für den betriebenen Führerkult und die totale Unterwerfung unter den Willen Hitlers. Er ist damit Symbolfigur für die antipluralistischen, antiparlamentarischen und militaristischen Einstellungen der extremen Rechten. Da er im Gegensatz zu Albert Speer öffentlich keine Reue für die vom Regime begangenen und von ihm bis 1941 mit verantworteten Verbrechen gezeigt hat, ihm sogar der Satz „Ich bereue nichts“ zugeschrieben wird, gilt er zudem als Symbol der Standhaftigkeit gegen die angebliche „Gesinnungsdiktatur“ der Demokraten, obwohl auch durchaus kritische Worte gegen für ihn demonstrierende Neonazis überliefert sind. Seine angebliche Ermordung macht ihn zum Märtyrer. Er ist zudem das einzige Mitglied der engsten NS-Führungsriege, der über ein Grab und damit eine feste Pilgerstätte für Anhänger verfügt. Aussteiger aus der rechten Szene berichten auch, dass Heß als Stellvertreter des Führers als Ersatz für die öffentlich nicht mögliche Huldigung Hitlers hergenommen wurde.

Sein eigenmächtiger Flug nach Schottland im Mai 1941, kurz vor Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, macht ihn zudem zu einer zentralen Figur der diversen Geschichtsrevisionisten. Ziel ihrer Kampagnen ist es, den Nationalsozialismus und seine zentralen Figuren von der Schuld am Zweiten Weltkrieg und der Shoah freizusprechen, um so das Stigma, das seit 1945 rechtsextremen und völkischen Politikvorstellungen anhaftet, loszuwerden und eine öffentliche Bezugnahme und Traditionsbildung zu ermöglichen. Der Flug nach Schottland, angeblich im Auftrag Hitlers, gilt als der wichtigste Beweis für die angeblich friedlichen Absichten des Regimes. Die Schuldigen am Krieg und seiner langen Dauer seien nach dieser Argumentation die Westalliierten und dort besonders Winston Churchill, der alle Friedensangebote Hitlers abgelehnt habe.

Es gibt allerdings keinerlei Beweise, dass Heß im Auftrag Hitlers unterwegs war. Im Gegenteil. Goebbels spricht in seinem Tagebuch davon, Heß habe ohne Genehmigung Hitlers das Flugzeug bestiegen, er galt zunächst als abgestürzt. Danach wurde bekannt, dass Heß über Schottland abgesprungen war und von Bauern gefangengenommen worden war. Hitler zeigt Goebbels zudem ein Reihe von Briefen, die Heß ihm hinterlassen hatte und die Goebbels als „wirres Durcheinander, primanerhafter Dilettantismus“ in seinem Tagebuch einstufte.

Tatsächlich war der fortdauernde Kriegszustand mit England nach den Siegen in Polen, Norwegen und Frankreich der NS-Führung ein Dorn im Auge. Man sorgte sich um die Stimmungslage der Bevölkerung, die vom Regime schnelle Erfolge gewohnt war. England gehörte nicht zu dem zu erobernden Lebensraum, die Wehrmacht war zudem stark auf einen Landkrieg ausgerichtet. Man machte deshalb natürlich Angebote und versuchte das Vereinigte Königreich mit der Garantie für ihre überseeischen Besitzungen zu ködern. Eine Rücknahme der Eroberungen im Osten wurde nie angeboten. Zu sehr hatte sich das Regime dort schon in Verbrechen an Polen und polnischen Juden verstrickt. Zu sehr war der Angriff auf die Sowjetunion immerwährendes Ziel der Nazis gewesen. Für die Briten aber, die ja wegen des deutschen Überfalls auf Polen in den Krieg eingetreten waren, wäre dies einer Niederlage gleich gekommen und somit waren die Bedingungen für sie unannehmbar.

Raumfrage

Im Gegensatz zum Vortrag in Würzburg, scheint in Amberg die Frage des Veranstaltungsortes nie ein Problem gewesen zu sein. Es bestätigt sich damit leider wieder, dass den Amberger Nazis weiterhin viele Türen in Gaststätten offen stehen. Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks hatten die Amberger Neonazis lange Zeit Zugang zum Schützenheim der Schützengesellschaft Kleinraigering (Amberg). Angeblich konnten es sich die Neonazis sogar leisten, unter richtigen Namen zu reservieren und ihre Anfrage soll auch mit „NPD“ von den Wirten vermerkt worden sein. Die Schützengesellschaft widerspricht dieser Darstellung. Und auch wenn ihnen das Schützenheim nicht mehr zur Verfügung
steht, scheint die „Raumfrage“ den Amberger Neonazis weiterhin keine Probleme zu bereiten.