Rudolf Heß und die „Fremdarbeiterinvasion“ – der Naziaufmarsch in Wunsiedel

Naziaufmarsch in Wunsiedel
Naziaufmarsch in Wunsiedel

Das Heß-Grab wurde aufgelöst, NPD und Freies Netz Süd riefen zu einer Demonstration auf und sie kamen: Nazis aus Bayern, Hessen, aus Nordrhein-Westfalen und sogar aus Tschechien. Aber es zeigte sich deutlich: es geht ein tiefer Riss durch die rechtsextreme Szene in Bayern.

NPD und „Freies Netz Süd“
Der dem „Freien Netz Süd“ nahestehende Uwe Meenen (NPD Berlin, Bund Frankenland) bedankte sich dann auch ausdrücklich beim „Freien Netz Süd“ für die erfolgreiche Mobilisierung. Ein Schlag ins Gesicht der NPD-Funktionäre um Ralf Ollert (Landesvorsitzender der NPD, Stadtrat in Nürnberg), die durch Abwesenheit glänzten. So fand in Oberfranken eine zentrale Demonstration der NPD statt, ohne Beteiligung des Landesvorsitzenden geschweige denn des Bezirksvorsitzenden Axel Michaelis (Bamberg). Grüße hatte offenbar nur der NPD-Bundesvorsitzende ausrichten lassen.

Meenen hatte bereits zweimal (2006 und 2008) erfolglos gegen Ollert um den Landesvorsitz kandidiert, einige NPD-Funktionäre waren nach dem Landesparteitag 2008 aus der NPD ausgetreten und hatten das „Freie Netz Süd“ gegründet.

Und so kamen auch nur die NPD-Funktionäre, die dem FNS nahe stehen sowie Vertreter des „Nationalen Widerstandes“: Daniel W. (NPD Cham/Schwandorf, „Nationaler Widerstand Schwandorf“, Final Resistance Versand), Norman Kempken (Nürnberg), Simon Preisinger (Aktionsbündnis Nordoberpfalz ehemals Widerstand Tirschenreuth, NPD Tirschenreuth, presserechtlich verantwortlich für die Seite des FNS), Matthias Bauerfeind (Kameradschaft Main-Spessart), Katrin Köhler (Ring Nationaler Frauen, Stadträtin in Chemnitz), Sebastian Schmaus (Stadtrat der „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ in Nürnberg, ehemals „Anti-Antifa“), Norman Bordin (München), der während des Demonstrationszuges die verschiedensten Parolen ins Mikro des Lautsprecherwagens brüllt… Auch Martin Wiese, der eine siebenjährige Haftstrafe abgesessen hat und seit seiner Freilassung trotz Kontaktverbot versucht, die Kameradschaftsszene in Bayern zu einen, war dabei. Insgesamt marschierten zwischen 250 und 300 Rechtsextremisten auf, deutlich mehr als die in der Anmeldung angekündigten 90 Teilnehmer.

Im Vergleich zum NPD-„Bayerntag“ wurde deutlich: die NPD-Funktionäre um Ollert sind nicht mobilisierungsfähig, ihnen fehlt die Unterstützung der so genannten „Freien Kräfte“, die sich in Bayern zunehmend als das organisierte Zentrum der Nazis herauskristallisieren.

Rudolf Heß
Er war der eigentliche Anlass der Demonstration, durfte aber entsprechend den Auflagen der Behörden nicht erwähnt werden: „formell ging es zwar dabei lediglich um einen Protest gegen Überfremdung, tatsächlich aber demonstrierte man dem örtlichen Parteienkartell und dem evangelischen Klerus, daß mit der von letzterem veranlaßten Grabschändung des Heß-Grabes keineswegs Ruhe in der Stadt eingekehrt ist“, so das Naziforum Altermedia. Uwe Meenen machte deutlich „Wir alle wissen, warum wir hier sind“. Und es gab in den Reden immer wieder verklausulierte Bezüge zu Heß. So wurde auf den Tod des NPD-Funktionärs Rieger (er war Organisator der Heß-Gedenkmärsche) hingewiesen: diesen Namen dürfe man ja „noch“ erwähnen. Und Friedhelm Busse (ehemals Vorsitzender der verbotenen FAP) wurde ebenfalls erwähnt: auch dessen Grab sei „geschändet“ worden (eine dem Grab beigelegte Hakenkreuzfahne wurde von der Polizei entfernt).

Die „Fremdarbeiterinvasion“ und der „Volkstod“
Das offizielle Motto der Demonstration lautete „Fremdarbeiterinvasion stoppen“. Die Redner, Uwe Meenen, Daniel W. (Versammlungsleiter), Simon Preisinger und ein namenloser „Dortmunder Aktivist“ (dessen Name aber inzwischen auf einer rechtsextremen Internetseite mit Christopher Drewer angegeben wird) mühten sich in ihren Beiträgen, nachzuweisen, dass die „Demokraten den Volkstod“ bringen und damit im Interesse der Alliierten handeln. Diese hätten angeblich seit dem Krieg vor, das deutsche Volk auszurotten.
Es wurde vorgerechnet, dass bei gleichbleibender Geburtenrate „deutscher Kinder“ das deutsche Volk spätestens 2040 unumkehrbar vom „Aussterben bedroht“ sei. In den Sprechchören wurde die „Alternative“ lautstark hinausgeschrieen: „Nationaler Sozialismus jetzt“. Und die Bevölkerung Wunsiedels wurde mit einer Abwandlung der verbotenen Parole der SA „Deutschland erwache“ bedacht: „Wunsiedel erwache“.

Die Attentate in Norwegen
Nicht unerwähnt blieben auch die Anschläge des norwegischen Rassisten Anders Breivik. Man bemühte die offizielle Sprachregelung der NPD und redete von einem „Ökobauern“, versuchte darzulegen, warum er nichts mit den Nazis zu tun habe: weil er proisraelisch (aber gegen den Islam) sei und sich in seinem Text von Hitler distanziere, habe man nichts mit ihm zu tun. Und das Attentat werde nun vom „System“ genutzt, um gegen „nationale Kräfte“ vorzugehen.

Wie weit die „Distanzierung“ der Naziszene trägt, zeigt ebenfalls ein Zitat aus dem Naziforum Altermedia zur Grabauflösung in Wunsiedel: „…auch wenn man es hier und da fast – natürlich nur fast – ein wenig Verständnis dafür gehabt hätte, wenn man diese Antwort in Norwegisch und mit Osloer Akzent gegeben hätte. Und da sage noch einer, man hätte hier etwas gegen multikulturelle Bereicherungen. Bei dem gegenwärtigen Demokratieverständnis in Deutschland, sollte es uns wirklich nicht wundern, wenn die Beliebtheit dieser Fremdsprache hierzulande zunehmen würde.“

NS-Tradition
Bei der Schlusskundgebung wurde noch einmal deutlich, was unter der Parole „Nationaler Sozialismus jetzt“ zu verstehen ist. Die Teilnehmer sangen die Hymne der Hitler-Jugend „Ein junges Volk steht auf“. Und es folgte die Drohung an Wunsiedel, dass sie wieder kommen.

Wunsiedel wehrt sich
Unter dem Motto «Gemeinsam für das Leben! Gegen Hass, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit!» kamen in Wunsiedel zur gleichen Zeit etwa 300 Menschen zusammen, um gegen den Naziaufmarsch zu demonstrieren. «Heute zeigt der rechte Mob sein wahres Gesicht»: so Bürgermeister Karl-Willi Beck. «Unsere Demokratie darf sich das nicht gefallen lassen.»

Auf dem Marktplatz feierten sie mit den Pfarrern Jürgen Schödel, Günter Vogel und mit der Pfarrerin Susanne Böhringer einen Gedenkgottesdienst. Luisenburg-Schauspieler Ron Williams unterstützte mit einem Auftritt auf dem Marktplatz die Proteste der Wunsiedler: «Der braune Dreck muss weg», sagte er und sang den gleichnamigen Titel aus der Luisenburg–Inszenierung «Blues Brothers».

Fotos gibt es hier