Besprechung des Buches «Neue Nazis»

Neue Nazis

„Neue Nazis“ heißt ein jetzt erschienenes Buch von Toralf Staud und Johannes Radke, dass sich mit „Populisten, Autonomen Nationalisten und dem Terror von rechts“ befasst. Vieles, was in dem Sachbuch geschildert wird, ist zwar sicher nicht neu – doch gerade die Analyse der „Autonomen Nationalisten“ ist hervorragend gelungen und dürfte gute Chancen haben, zu einem leicht verständlichen und kompetent zusammengefassten Standardwerk auf diesem Sektor zu avancieren.

Nach der Lektüre von „Neue Nazis – Jenseits der NPD: Populisten, Autonome Nationalisten und der Terror von rechts“ werden Szenenkenner sicher einwenden, nicht viel neues erfahren zu haben. Und da kann man ihnen auch überhaupt nicht widersprechen, denn tatsächlich bietet das Sachbuch für Experten wenig unbekannte Informationen. Aber das ist auch gar nicht das Ziel des Buches, ebenso wenig wie Szenenkenner das Hauptpublikum der beiden Autoren sind. Vielmehr wollen Toralf Staud und Johannes Radke mit ihrem Werk die Leser/-innen erreichen, die sich bislang kaum bis gar nicht mit der Thematik Rechtsextremismus auseinandergesetzt haben und sich jetzt, vielleicht aufgrund des Bekanntwerdens des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, eindringlicher mit eben jener, durchaus komplexen Problematik befassen möchten.

Und bewertet man das Buch nach genau diesen Maßstäben, so bleibt einem am Ende fast nichts anderes übrig, als eine absolute Kaufempfehlung für „Neue Nazis“ auszusprechen. Den Autoren Staud und Radke gelingt es nämlich auf bemerkenswerte Art und Weise, aufzuzeigen, wie Neonazis heute agieren, wie die NPD zusehends an Einfluss für die Szene verliert, wie sich neue Strömungen des Rechtsextremismus nach und nach etablierten und wie Rechtspopulist/-innen versuchen, auf Wählerfang zu gehen. Außerdem beleuchtet das Buch den rechten Terror und nimmt dabei auch speziell Bezug auf den NSU, ohne den „alltäglichen Terror von rechts“ aus dem Augenmerk zu verlieren. Weiterhin geht „Neue Nazis“ noch auf die Entwicklungen der neofaschistischen Szene in den 1990er Jahren in Ostdeutschland ein und zeigt sehr detailliert auf, wie diese Entwicklungen auf die gesamte Szene, aber auch speziell auf die drei Neonazis wirkten, die später den „Nationalsozialistischen Untergrund“ bilden sollten.

Besonders gelungen ist das Buch aber vor allem dann, wenn es um die „Autonomen Nationalisten“ und deren Hauptaktionsgebiet, den Dortmunder Stadtteil Dorstfeld, geht. Wie in kaum einem anderen Buch zuvor zeichnen die Autoren die Historie der sogenannten „Autonomen Nationalisten“ nach und schildern deren gewaltbereites Auftreten extrem überzeugend im reportageartigen Stil. Zeitweise schockieren die Kapitel über die AN und machen fassungslos, etwa wenn die Geschichte einer Familie erzählt wird, die nach anhaltenden Drohungen und Angriffen der Nazis den Stadtteil verlassen musste. Oder wenn man lesen muss, wie machtlos die Polizei über einen langen Zeitraum hinweg agierte und wie die Opfer rechtsextremer Übergriffe von den Sicherheitsbehörden bisweilen behandelt wurden. Durch ihre detaillierten Analysen, die die Autoren wortreich niedergeschrieben haben, ist die Entwicklung der AN, deren Auftreten und die Beziehung zu anderen rechtsextremen Aktionsformen genauestens beschrieben und man erhält einen tiefen Einblick in eine Szene, die zwar bezüglich ihres Auftretens offen erscheint, ideologisch aber extrem rückwärtsgewandt ist und radikal nationalsozialistische Anschauungen vertritt. Nicht weniger überzeugend ist das Buch, wenn die „Wandlung der extremen Rechten“ in punkto Jugendkultur thematisiert wird. Dieser Teil schließt praktisch nahtlos an das Kapitel über die „Autonomen Nationalisten“ an, war es doch eben diese neonazistische Bewegung, die das okkupieren von nicht-rechter, mitunter linker Jugendkultur für ihre ganz eigenen Zwecke perfektioniert hat. Auch wird auf die Einflüsse von Musikern der Szene eingegangen – und der Werdegang von schlechtem, gegrölten Rechtsrock hin zu einem breiten Repertoire
rechtsextremer Bands von „National Socialist Black Metal“ bis hin zu Hip-Hop beschrieben.

Eine ähnlich bedeutende Rolle in dem Buch nimmt der rechte Terror ein, der mit zwei Kapiteln relativ ausführlich besprochen wird – und insbesondere mit seiner Aktualität zu überzeugen vermag. Zum einen beleuchten die Autoren die Entstehung der „braunen Bewegung“ beginnend in den 90er Jahren „(nicht nur) in Ostdeutschland“ bis in die heutige Zeit und zum anderen widmen sie sich dem rechten Terror, der nicht etwa erst seit dem NSU besteht, sondern eine „lange Historie“ in der Bundesrepublik hat. Gerade im Kapitel über die Geschichte des rechten Terrors gehen die Verfasser des Buches weit in die Vergangenheit zurück und beleuchten beispielsweise auch die paramilitärisch organisierte „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die in den 1980er-Jahren im Freistaat Bayern bestand und aus deren Umfeld später der Oktoberfestattentäter Gundolf Köhler stammte. Aber auch die Anschlagspläne von Martin Wiese und seiner „Kameradschaft Süd“ auf die geplante Grundsteinlegung des Jüdischen Kulturzentrums in München im Jahre 2003 fanden ihren Weg in das Buch. Somit zeigen die beiden Autoren, die vom Beruf Journalisten sind, sehr anschaulich und umfassend auf, welche Geschichte rechter Terror in Deutschland hat und schildern, dass es neonazistische Anschläge lange vor dem NSU gab. Speziell im Hinblick auf die „Autonomen Nationalisten“ wird zudem der Verdacht geäußert, dass es sich dabei um die nächste Generation von Rechtsterroristen in Deutschland handeln könnte. Diese Theorie untermauern die beiden Verfasser überzeugend mit der latenten Gewaltbereitschaft der AN und ihrem organisierten Vorgehen bei Übergriffen sowie der vorherigen Planung selbiger. Denn im Gegensatz zu anderen Nazi-Gruppierungen spähen die „Autonomen Nationalisten“ ihre Gegner/-innen zuvor sehr gründlich aus und planen ihre Anschläge gezielt. Ebenfalls üben die Autoren Kritik an den Sicherheitsbehörden, die viele Entwicklungen nahezu völlig verschlafen haben – und somit auch beim NSU überhaut nichts mitbekommen haben.

Weniger breit, aber dennoch fundiert besprochen wird der aktuelle Rechtspopulismus, der zwar im Gegensatz zu anderen Ländern in Deutschland noch kaum Erfolge verbuchen kann, aber trotzdem im Stande sei, dass „gesellschaftliche Klima zu vergiften“, so die Autoren in ihrem Buch. Ferner thematisiert wird die NPD und ihre desolate Lage, die sich zwar im Laufe der Zeit etwas verbessert hat, mittlerweile jedoch auch aufgrund des Bekanntwerdens des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, wieder deutlich schlechter geworden ist. Das von dieser Verschlechterung der Bundespartei die NPD in Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise kaum betroffen ist, da sie dort teilweise fest verankert ist, wird dabei ebenso beschrieben, wie der Werdegang Holger Apfels. Abgerundet wird das Buch von einem Interview mit einem AN-Aussteiger und praktischen Tipps im Umgang mit Neonazis, die zu kennen es sich auf jeden Fall lohnt.

Fazit: Das Hauptaugenmerk des Buches liegt zweifelsohne auf den „Autonomen Nationalisten“, die selbst dann auftauchen, wenn sich das Kapitel gerade nicht ausschließlich mit ihnen beschäftigt. An nahezu jeder Stelle beleuchten die Autoren Querverbindungen, beschreiben die Reaktionen der Szene auf diese noch relativ junge Bewegung und ihren Zusammenarbeit mit der NPD (z.B. beim Anbringen von Parteiplakaten), die weniger aus der Überzeugung heraus, sondern eher aus dem persönlichen Nutzen beider Gruppierungen besteht sowie deren Aktionismus und die massive Gewaltbereitschaft. Man merkt schnell, dass die Autoren absolute Spezialisten auf diesem Sektor sind. Auch wenn Szenenkenner einwenden mögen, nichts neues erfahren zu haben, so ist dieses Buch dennoch sehr gelungen. Hervorragend tragen die Autoren Fakten zusammen, belegen ihre Theorien im Großen und Ganzen überaus anschaulich – und schaffen es, gleich mehrere komplexe Thematiken leicht verständlich zu vermitteln, sodass auch unerfahrene Leser/-innen keine Probleme beim Verstehen haben dürften. Die willkommene Kritik an
den Sicherheitsbehörden, die aktueller denn je ist, rundet dieses gelungene Buch zudem ab. Deshalb gilt es, eine absolute Kaufempfehlung für «Neue Nazis» auszusprechen, das Lesen lohnt sich allemal.