Rechte WG oder «Nationales Jugendzentrum»?

Die Neonazi-Immobilie hinter hohen Hecken

Führende Münchner Neonazis haben seit 1. Dezember 2012 im Stadtteil Obermenzing ein Haus mit großem Gartengrundstück angemietet. Die Besitzerin der Immobilie, die die Vermietung einer Maklerin überlassen hatte, ist entsetzt. a.i.d.a. berichtet über den Stand der Dinge:

Niemand schöpft Verdacht

Mitte November 2012 meldete sich ein junger Mann bei einer Immobilienmaklerin in der Münchner Lindwurmstraße. Im Internet hatte er ein Mietangebot der Firma gesehen. Als er sich das zur Vermietung anstehende freistehende Haus im Münchner Westen schließlich anschaute, zeigte er sich völlig begeistert. Er und seine zwei Mitmieter wollten das Haus unbedingt anmieten und sie versprachen im Gegenzug sogar, Gartenarbeiten und Schneeräumdienste zu übernehmen. Die Maklerin verlangte Schufa-Auskunft und Einkommensnachweis des jungen Mannes. Was sie aber nicht überprüfte, war der Name des Mannes, obwohl sie sich von ihm sogar eine Ausweiskopie geben ließ. Eine einfache Suchmaschinenanfrage im world wide web hätte zuverlässige Informationen über den Interessenten geliefert.

Die Mieter_innen

Bei ihm handelt es sich nämlich um einen der führenden Münchner Neonazis. Bis vor kurzem verantwortete er die Webseite der «Kameradschaft München Nord». Beim Neonaziaufmarsch am 17. November 2012 in Wunsiedel trug er zusammen mit den Aktivisten der militanten Kameradschaft «Jagdstaffel Deutsch Stolz Treu» (München/Geretsried) das Fronttransparent des neonazistischen Dachverbands «Freies Netz Süd» (FNS). Der junge Mann, der schließlich erfolgreich über die Anmietung des Hauses verhandelte, war nicht allein. Ende November unterschrieben er, ein weiterer junger Mann und eine junge Frau bei der Besitzerin des Hauses einen auf zwei Jahre befristeten Mietvertrag.

Die junge Frau, die in einem Fitnessstudio arbeiten soll, ist eine der führenden Neonazistinnen in Bayern, aktiv sowohl bei der «Kameradschaft München» als auch bei der rassistischen Kommunalwahlliste «Bürgerinitiative Ausländerstopp» (BIA) des stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden Karl Richter (München). Bei den neonazistischen Kundgebungsserien am 29. September und am 8. Dezember 2012 in München trat sie als Rednerin auf. Der zweite junge Mann trägt Piercings und sieht somit durchaus etwas alternativ aus, engagiert sich jedoch ebenfalls für das FNS und für die BIA. Im Februar 2011 wurde er wegen «Vorbereitung von Explosionsverbrechen» (Bau von Sprengsätzen) und antisemitischen Drohungen zu einer Haftstrafe verurteilt. Zusammen mit anderen Neonazis hatte er u. a. «Den Juden den Gashahn aufdrehen» auf eine Mauer am jüdischen Friedhof in Aachen gesprüht. Weil das Aachener Landgericht dem Koch-Azubi seine Lüge von seinem angeblichen «Ausstieg» unkritisch glaubte, wurde die Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt.

Doch keine Behörde warnte die Hausbesitzerin rechtzeitig vor ihren neuen (neonazistischen) Mieter_innen. Und niemanden machte stutzig, dass sich drei junge Leute für ihre WG derart um dieses abgelegene und etwas altmodisch daherkommende Haus reißen, dessen 1490 Euro monatliche Kaltmiete auch die derzeitigen finanziellen Möglichkeiten der drei eigentlich überschreiten dürften.

Für die Neonazis dürfte das Gebäude am Stadtrand von München-Obermenzing in der Tat ziemlich ideal sein. Nach Westen hin ist das freistehende Einfamilienhaus von Feldern umgeben, eine Autobahn ist nicht weit. Nach Osten schließt sich ein zum Haus gehörendes großes Gartengrundstück von insgesamt 950 Quadratmeter Fläche an. Die Vormieter haben über Jahrzehnte nicht nur eine meterhohe, dichte Hecke wachsen lassen, sondern das einstöckige Haus auch mit Fenstergittern und einer Alarmanlage ausgestattet. Die insgesamt vier Zimmer mit einer Gesamtwohnfläche von 120 Quadratmeter sind vollständig unterkellert, darunter ist mit einem ausgebauten ehemaligen Büro auch ein großer, partytauglicher Raum mit hohen Fenstern.

Zuvor: Neonazi-Treffpunkt
Solln

In den letzten Monaten hatten Münchner Neonazis bereits ein Haus im Münchner Süden angemietet. Hier, in der Nähe des S-Bahnhofes Solln, blieb es von Anfang an nicht bei einer Wohnnutzung. Im engen Keller fanden Monatstreffen, Feiern und Veranstaltungen der «Kameradschaft München» bzw. des neonazistischen Kameradschaftsdachverbands «Freies Netz Süd» (FNS) statt:

Am 12. September 2012 beispielsweise kamen hier oberbayerische Neonazis zu einer «Solidaritätsveranstaltung» für die verbotenen neonazistischen Organisationen «Aktionsbündnis Mittelrhein», «Kameradschaft Walter Spangenberg», «Freundeskreis Rade», «Spreelichter», «Besseres Hannover», «Nationaler Widerstand Dortmund», «Kameradschaft Aachener Land» und «Kameradschaft Hamm» zusammen. Am 9. November trafen sich die Neonazis erneut im dunklen Hauskeller, diesmal zu einer «Heldengedenksveranstaltung», bei der sowohl die NS-Wehrmacht als auch die Teilnehmer des Hitlerputsches (als «Märtyrer») verherrlicht wurden. Aufgrund vieler Auseinandersetzungen und Ruhestörungen gelang es dem Vermieter anschließend jedoch, die Neonazis wieder loszuwerden.

«Nationales Jugendzentrum» und «Nationales Kultur- und Begegnungszentrum»

Im April 2010 hatten Münchner Neonazis um den BIA-Funktionär Roland Wuttke (Mering) schon einmal versucht, in angemieteten Räumen (Monatsmiete: 550 Euro) an der Forstenrieder Allee ein «Versammlungshaus» bzw. ein «Nationales Jugendzentrum» einzurichten. Nach der Aufdeckung der Nazi-Pläne durch eine a.i.d.a-Veröffentlichung kündigte der Vermieter den Neonazis jedoch den Mietvertrag fristlos.

Am 31. Juli 2010 eröffneten die Münchner Neonazis dann ihr sogenanntes «Nationales Kultur- und Begegnungszentrum» bzw. «Kommunikationszentrum» im Souterrain eines Gebäudeensembles an der Drygalski-Allee. Der BIA-Vorsitzende und Stadtrat Karl Richter (München) hatte den 125 Quadratmeter großen Keller im Juni für zwei Jahre als Versammlungs- und Schulungsräume angemietet (monatliche Kaltmiete: 815 Euro). Die BIA- und Kameradschaftsaktivistin, die jetzt zu den neonazistischen Mieter_innen in Obermenzing gehört, hatte damals die Eröffnungsrede gehalten. Schon nach wenigen Wochen war Schluss, Die Lokalbaukommission und der zivilrechtliche Druck des überrumpelten Vermieters hatten die neonazistischen Immobilienpläne erfolgreich durchkreuzt.

Fürth, Halsbach, Nürnberg, Oberprex …

Beim straff geführten, bayernweiten Kameradschaftsdachverband «Freies Netz Süd» bemüht man sich, gemäß der vom FNS-Kader Matthias Fischer (Fürth) ausgegebenen Parole von den «national befreiten Zonen», seit langem bayernweit um die Bildung von kleinen neonazistischen Gemeinschaften einerseits und um vermehrten Immobilienerwerb andererseits. Fischer selbst wohnt mit mehreren führenden bayerischen Neonazis auf einem Grundstück im mittelfränkischen Fürth-Stadeln. In Nürnberg hat der neonazistische «Bund Frankenland» um Uwe Meenen (Berlin) und Norman Kempken (Nürnberg) eine ehemalige Table-Dance-Bar in der Wettersteinstraße angemietet, angeblich als «Bürgerbüro» des FNS-Aktivisten Sebastian Schmaus. Im oberbayerischen Halsbach scheiterten Neonazis im Frühjahr 2012 mit der Einrichtung eines neonazistischen Wohnprojekts für FNS-Kader und ihre Familien im ehemaligen «Gasthaus Gruber». In der oberfränkischen Gemeinde Regnitzlosau-Oberprex betreiben FNS-Aktivist_innen um Uwe B. einen ehemaligen Gasthof («Oberprex 47″), in dem seit Frühsommer 2010 regelmäßig neonazistische Veranstaltungen und Konzerte stattfinden.

… und Obermenzing?

Im Münchner Stadtteil Obermenzing sind die Neonazis nicht zum ersten Mal aktiv. Immer wieder hatten sie in den letzten Jahren interne Veranstaltungen und konspirative Treffen in Lokalen an der Verdistraße abgehalten. Am 7. Februar 2012 versammelten sich Neonazis um Karl Heinz Statzberger (Markt Schwaben) zuletzt mit einem «Freien Netz Süd»-Transparent zu einer «Mahnwache» und Flugblattverteilung an der Ecke Verdistraße/Bauseweinallee.

Nach den
Erfahrungen aus Solln ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Obermenzinger Immobilie nicht nur zu Wohnzwecken, sondern für politische Veranstaltungen der Münchner Neonaziszene genutzt werden könnte. In einem Fall kann ein solcher Bezug des angemieteten Hauses zu einer politischen Aktion bereits belegt werden: Am Samstag, 8. Dezember 2012, starteten von hier die Neonazis aus FNS und BIA zu ihrer antisemitischen und rassistischen Kundgebungsserie im Münchner Stadtgebiet. Die Neonazis des Dachverbands «Freies Netz Süd» bzw. der lokalen «Kameradschaft München» haben im Vorfeld der Kommunalwahl 2014 eine Kooperation mit der Kommunalwahlliste «Bürgerinitiative Ausländerstopp München» des neuen NPD-Landesvorsitzenden Karl Richter vereinbart. Zu den beschlossenen Eckpunkten gehören Kandidaturen von FNS-Aktivist_innen auf der BIA-Liste und im Gegenzug die Unterstützung des Wahlkampfes der NPD-nahen Liste durch die parteifreien Neonazis.

Gegenmaßnahmen

Die Besitzerin des Hauses, die erst seit Mitte Dezember über die Hintergründe ihrer neuen Mieter_innen informiert ist, zeigte sich gegenüber den Medien schockiert. Eine eventuelle Nutzung für politische, neonazistische Zwecke sei absolut nicht in ihrem Sinne. Von den Behörden hat sie bisher keine sinnvolle Hilfestellung erhalten. Bei Nachbarn des Neonazihauses herrschen derzeit Bestürzung und zum Teil auch Angst. Am Wochenende sind jedoch bereits erste Gegenmaßnahmen der Zivilgesellschaft angelaufen, Antifaschist_innen kündigten Proteste an und auch der Bezirksausschuß will sich in Kürze mit dem Naziproblem im Stadtviertel beschäftigen.

[Anmerkung des Autors: Die Recherchen zu diesem Artikel wurden vom Online-Portal «Endstation Rechts Bayern» unterstützt.]

Erstveröffentlichung bei a.i.d.a., mit freundlicher Genehmigung des Autors übernommen

Fotos: a.i.d.a.