«Man konnte sich nicht vorstellen, dass es in Deutschland Rechtsterroristen gibt»

NSU-Untersuchungsausschuss Bayer. Landtag, Foto: J. Hartl

Auch in der 14. und 15. Sitzung beschäftigte sich der NSU-Untersuchungsausschuss im Bayerischen Landtag wieder mit der Frage, wieso erst so spät – und dann so ergebnislos – nach einem rassistischen Tatmotiv gesucht wurde. Insgesamt vier Zeugen gaben dazu Auskunft.

Was war schief gelaufen? Wieso hatte man erst so spät nach Neonazis als Täter gesucht? Wieso hatte man ein mögliches rassistisches Motiv erst so spät für möglich erachtet? Und wieso verlief die Suche nach den Tätern so ergebnislos, obwohl man später in Richtung eines rassistischen Tatmotives ermittelt hatte. War es nur Unfähigkeit oder ein gravierendes Problem mit strukturellem Rassismus? Diese und weitere Fragen stellte sich der NSU-Untersuchungsausschuss in dieser Woche gleich in zwei direkt aufeinanderfolgenden Sitzungen.

Zeuge: Wolfgang Geier, leitender Kriminaldirektor, heute Polizeipräsidium Unterfranken, vormals Mittelfranken

Am Mittwoch, den 20. Feburar, informierte der leitende Kriminaldirektor Wolfgang Geier über die Arbeit der sogenannten BAO Bosporus, die im Juli 2005 nach den Morden sechs und sieben eingerichtet wurde. Geier leitete die BAO vom Zeitpunkt ihres Bestehens an und zeichnete sich maßgeblich für die Ermittlungen rund um die schrecklichen Mordserie verantwortlich. Dem Untersuchungsausschuss beschrieb er zunächst, wie die BAO entstanden war und welche Aufgaben sie zu Anfang wahrnehmen musste. Eingesetzt wurde die BAO am 1. Juli 2005 als „zentrale Koordinierungsstelle“. Während Geier mit der Leitung beauftragt wurde, ging die zentrale Ermittlungsführung zugleich an den Nürnberger Oberstaatsanwalt Dr. Kimmel. In seiner Zeugeneinvernahme hob Wolfgang Geier hervor, dass „das Engagement der Kollegen von dem Willen, die Täter zu finden, getragen“ worden ist.

Der Mordserie sei ein „besonderes Gewicht beigemessen“ worden, so Geier. Mit Beginn der BAO-Arbeit fand man „folgende Ausgangslage“ vor: „Sieben Opfer, die alle Ausländer mit türkischer oder griechischer Abstammung waren, und in ihren Geschäften hingerichtet worden sind“. Allerdings habe es „keinerlei verwertbare Tatortspuren oder Tatbekennungen“ gegeben. Auch eine „direkte Verbindung“ zwischen den Opfern habe gefehlt. Die BAO unter Geiers Leitung gliederte dann die ermittelnden SOKOs in München und Nürnberg in die BAO ein und begann mit einer „An- und Nacherfassung der bisherigen Fälle“ in einem „einheitlichen Fallerfassungssystem“. Erst nach „langen Absprachen“ mit dem Bundeskriminalamt (BKA) habe man sich für das bayerische System entschieden. In diese Maßnahmen seien alle Dienststellen für Organisierte Kriminalität im Freistaat eingebunden gewesen, insgesamt soll die Arbeit über ein halbes Jahr in Anspruch genommen haben. Anschließend seien Anfragen bei Europol und Interpol gestartet worden und ein Abgleich der Tatmunition vorgenommen worden. Ferner wurde die „Operative Fallanalyse Bayern“ (OFA) mit der Erstellung einer ersten Analyse beauftragt, schilderte Geier am Mittwoch dem Untersuchungsausschuss.

Die Versuche, Verbindungen zwischen den Opfern herzustellen, scheiterten ebenso, wie die „Amtsermittlungen mit dem Schwerpunkt der finanziellen Situation zwischen den Opfern“. In etwa zeitgleich habe man auch Kontakt zur „EG-Sprengstoff“ aufgenommen, die mit den Ermittlungen zum Nagelbombenanschlag in Köln betraut war. Zuvor zeigte sich eine große Ähnlichkeit zwischen dem Phantombild, das nach einer NSU-Tat in Nürnberg angefertigt worden war, und den Videobildern aus Köln, auf denen die Täter zu sehen waren. Aufgrund dieser Parallelen seien auch „Nürnberger Fachgeschäfte nach Elektronikteilen“ überprüft worden, da bei dem Kölner Anschlag „Zünder verwendet wurden, die im Modellbaubereich Verwendung finden“. Dennoch blieb auch diese Spur laut Geier erfolglos.

Unterdessen hätten Sachverständiger des BKA bei der fünften Tat die Benutzung eines Schalldämpfers nachweisen können, bei der siebten Tat sei außerdem durch eine Plastiktüte geschossen worden – die
Täter unternahmen Maßnahmen zur Vermeidung von Hülsen. Um auf eine heiße Spur zu kommen, wurden schließlich massenhaft Daten abgefragt. Neben einer „Funkzellenabfrage in den Tatortbereichen Nürnberg und München“ und einer „Erhebung von Zahlungskarten-Daten“ wurden auch externe Daten erhoben, erzählt der Kriminaldirektor. Dadurch habe man über „32 Millionen Massendaten“ bekommen, die „letztendlich alle keine heiße Spur, keine Überführung – ¨und noch nicht mal einen Beweis brachten“.

Im September 2005 fand dann ein erstes Treffen mit dem Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz statt. Im selben Monat sei man auch bei der türkischen Polizei zu Gast gewesen, wo „Verstrickung eines ausländischen Geheimdienstes sowie einer rechten oder linken türkischen Organisation“ in Betracht gezogen worden sein soll. Von Seiten der KOMM-Ankara (dem polizeilichen Nachrichtendienst, der zuständig für Terrorabwehr ist) wurde eine Beteiligung der PKK aber ausgeschlossen. Im Gegenzug wäre die Nennung von Neonazis als Täter möglich gewesen, erinnert sich Geier. Gleichzeitig führte man eine „Öffentlichkeitsfahndung in deutschen und türkischen Medien“ durch und besuchte über 900 türkische Kleingewerbetreibende, die durch Polizisten beruhigt werden sollten. Irgendwann kam man schließlich auf die Idee, dass die Taten womöglich doch einen anderen Hintergrund haben könnte und beauftragte die OFA-Bayern im Dezember 2005 mit der sogenannten „Arbeitshypothese Sniper“. Diese erwies sich jedoch als negativ, zumal die Opfer „face-to-face“ getötet wurden, wie der Kriminaloberrat in seiner Zeugeneinvernahme vor dem Landtagsuntersuchungsausschuss ausführte. Infolgedessen soll die OFA aber mit der Entwicklung von weiteren „Alternativtheorien“ befasst gewesen sein, wie den Parlamentariern erklärt wurde.

Nachdem im April 2006 zwei weitere Morde in Dortmund und Kassel geschehen sind, waren schließlich das Bundeskriminalamt und fünf Bundesländer in die Ermittlungen eingebunden, die „dortigen Dienststellen“ wurden „durch Beamte der BAO Bosporus“ unterstützt. Zu dem Zeitpunkt habe das BKA – das bereits einmal eine Übernahme der Ermittlungen abgelehnt hatte – erstmals eine Ermittlungsführung ihrerseits ins Gespräch gebracht, über die jedoch negativ beschieden wurde. Die Gründe dafür konnte Geier nicht benennen, er war damals nicht anwesend. Seinen Mutmaßungen zufolge hätte es allerdings zu Problemen führen können, wenn plötzlich wieder „eine ganz neue Truppe“ an den Mordfällen ermitteln würde. Anstelle einer zentralen Ermittlungsführung des BKAs entschied man sich für eine Koordinierungsstelle, die zwischen dem BKA und den jeweiligen SOKOs der Bundesländer vermitteln sollte.

Im Mai 2006 erfolgte schließlich auf ein Konzept Geiers hin eine personelle Aufstockung der BAO. „Phasenweise waren bis zu 160 Beamte eingesetzt und rund 60 Beamte waren fest eingesetzt“, rechnet der Ermittler vor. Rund ein Monat später seien dann die bisherigen Ermittlungsansätze „im Rahmen der OFA-Analyse bereits kritisch hinterfragt“ worden. Die neu vorgelegte Analyse ging von einer „Serientätertheorie“ aus und legte bereits eine relativ treffende Beschreibung vor: „Die OFA ging von missionsgeleiteten, männlichen Tätern aus, die eine Abneigung gegen türkische Männer entwickelt haben, zwischen 22 und 28 Jahren alt sind, eine Affinität zu Waffen haben, womöglich Mitglied in einem Schützenverein gewesen sind, mobil durch die Bundesrepublik unterwegs sind und zuvor in der rechtsgerichteten Szene aktiv gewesen sind, diese aber als zu lasch empfunden hätten – und deshalb jetzt ihr eigenes Ding durchziehen “, fasst Geier die Analyse der Profiler zusammen. Zudem ging man von Nürnberg als „möglichen Ankerungspunkt“ aus. Dies begründete man mit dem Serienbeginn in Nürnberg, mit einer „Häufung“ der Taten und mit der geografischen Lage der Tatorte, die alle im Süden der mittelfränkischen Stadt zu finden gewesen sind. Als Reaktion auf diese Analyse wurde ein „besonderer Ermittlungskomplex“ und annähernd 3.500 Ermittlungsspuren gegründet. 11.000 Personen sollen weiterhin durch die
BAO-Bosporus überprüft worden sein, berichtete Geier. Dazu hätten auch „Erkenntnisse zu bekannten Skinheads, NPD-Mitgliedern und Neonazis aus dem Großraum Nürnberg“ gezählt. Außerdem startete man eine Anfrage an das Landesamt für Verfassungsschutz mit der Bitte, die Namen von „bekannten Rechtsextremisten aus ganz Bayern“ zu übermitteln – die Anfrage blieb zunächst ganze sechs Monate unbeantwortet und dürfte damit symptomatisch für das Verhalten des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutzes (LfV) im Falle des NSU-Komplexes stehen.

Die Anfrage der BAO an das LfV wurde erst beantwortet, nachdem Geier mit dem beim Verfassungsschutz zuständig Abteilungsleiter gesprochen hatte. Doch auch dann wurde die Anfrage nicht – wie ursprünglich gefordert – für ganz Bayern beantwortet, sondern lediglich für den Großraum Nürnberg. Statt 3.500 Namen erhielt die BAO-Bosporus letztlich also nur gut 682 Namen. Der Verfassungsschutz begründete diese Entscheidung mit zu großem Aufwand und einer nicht existenten Rechtsgrundlage für die Datenübermittlung. Alle 682 Namen wurden sodann durch die Polizei überprüft, bei neun gab es „Gefährderansprachen, obwohl keiner der Personen außerhalb Nürnbergs in Tatortnähe“ gewesen ist. Eine „zentrale Figur der Nürnberger Neonazi-Szene“ hätte etwa für die Tat in Hamburg ein Alibi gehabt, weil zu diesem Zeitpunkt eine Durchsuchung durch die Kriminalpolizei bei ihm stattfand.

Bei der neuerlichen Öffentlichkeitsfahndung verzichtete man indes darauf, die „Ausländerfeindlichkeit“ als Tatmotiv zu benennen. Die Gründe dafür waren Geier zufolge vielschichtig. Einerseits wollte man keine Angst säen, wo keine bestanden hätte, anderseits habe man die Täter als „nette Nachbarn“ beschreiben wollen, wodurch man sich Hinweise neuer Art zu erhoffen schien. Hätte man sie als Nazis beschrieben, so der Kriminaldirektor, hätten die Hinweise höchstens aus der neonazistischen Szene selbst kommen können, weniger aber von Bürgerinnen und Bürgern. Mit dem Ruf der Bundesrepublik Deutschland wegen der damaligen Fußball-WM habe die Medienstrategie aber nichts zu tun gehabt. Selbst in den Gesprächen mit dem Innenminister sei dies kein Thema gewesen, erinnert sich der ehemalige BAO-Leiter.

Im Nachhinein spricht Geier im Hinblick auf das Konzept mit einzelnen Steuerungsgruppen, die zwischen SOKOs und BKA vermitteln sollten, von einer „nicht optimalen Art der Ermittlungsführung“ und übt zugleich heftige Kritik am Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz. Wenn Anfragen gestellt wurden, seien diese oft nur unzureichend beantwortet worden – und zwar nicht nur im Falle der abgefragten Namen. Auch als die BAO über neonazistische Musikveranstaltungen in der Nähe aller Tatorte informiert werden wollte, sei keine Antwort vom Verfassungsschutz gekommen – die Anfrage blieb dauerhaft unbeantwortet. „Wir haben zwar ausgemacht, dass wir uns gegenseitig informieren. Aber es war eher eine Einbahnstraße“, beschrieb Geier die Kooperation zwischen Polizei und dem Landesamt für Verfassungsschutz.

Zudem hätte man sich „nicht vorstellen können, dass es in Deutschland Rechtsterroristen gibt“, sagte Geier und fügt an: „Wenn man die Verfassungsschutzberichte nachliest, war dort explizit aufgeführt, dass es eben keine Braune Armeefraktion gibt.“ Zwar wusste Geier von „Blood-and-Honour“ und „Combat 18“, nicht aber vom neonazistischen Konzept des „führerlosen Widerstands“ und der Diskussion darüber in der Neonazi-Szene der Bundesrepublik. Und hätten sich zwei der drei NSU-Mitglieder in ihrem Wohnwagen im thüringischen Eisenach nicht selbst hingerichtet, so wären sie womöglich noch immer nicht geschnappt worden. Denn wenngleich man an der „Waffenspur ziemlich nah dran war“, so sei man „im Bezug auf die drei Untergetauchten doch ewig weit weg“ gewesen, fasste Geier die Fakten zusammen.

Bereits in der Sitzung vom Dienstag, den 19. Feburar, hatten die Parlamentarier im Untersuchungsausschuss drei in die Ermittlungen eingebundene Kriminalpolizisten als Zeugen vernommen. Zwei der befragten Beamten waren bei der Kripo in
München zuständig, einer war dienstlich in Nürnberg tätig gewesen. Josef Wifling, Kriminaloberrat a.D. der Münchner Polizei, wurde als erstes durch die Vertreter von CSU, FDP, SPD, Freie Wähler und Grüne befragt. Wilfling war als Polizeibeamter mit den Mordermittlungen im Fall Kilic, der bis dahin vierten Tat, befasst.

Zeuge: Josef Wilfling, Kriminaloberrat a.D., Polizei München

Schnell habe sich am Tatort die Professionalität des Verbrechens gezeigt, erläuterte Wilfling. Offensichtlich handelte es sich um keinen Raubmord, sondern um eine Hinrichtung, wie auch der Gerichtsmediziner bestätigt hat. Sofort am selben Tag seien noch Befragungen durchgeführt worden, in denen – neben etlichen Hinweisen, die sich später als falsch herausgestellt haben – auch zwei Fahrradfahrer beschrieben worden, die wie „Kurierfahrer“ gewirkt hätten. Eine sofortige Fahndung sei eingeleitet worden, allerdings suchte man die beiden beschriebenen Personen nicht als Tatverdächtige, sondern als Zeugen im Mordfall. Die Fahndungsmaßnahmen blieben jedoch erfolglos, von den Fahrradfahrern fehlte jede Spur.

Wie üblich habe man anschließend mit Ermittlungen von „innen nach außen“ begonnen. Die Familie selbst sei aber nie tatverdächtig gewesen, betonte Wilfling. Die Behandlung von Frau Kilic und ihrer Familie beschrieb der Beamte als „fair“, die Kritik könne er keineswegs nachvollziehen. Vielmehr sei es so gewesen, behauptet Wilfling, dass die Hinterbliebenen der Familie „nicht sehr kooperativ“ gewesen seien. Noch am nächsten Tag stellte sich heraus, dass bei der Tat die gleiche Waffe verwendet wurde wie bereits bei zwei Taten in Nürnberg und einer Tat in Hamburg. Die Ermittlungen im Umfeld des Opfers zeichneten schließlich das Bild eines „kreuzbraven Mannes“, der zudem ein „arbeitsamer Mensch“ gewesen sei. Trotzdem hielt man weiter an der Theorie der „Organisierten Kriminalität“ fest. Insbesondere die „professionelle Begehungsweise“ und die vielen Hinweise in diese Richtung veranlassten die Beamten dazu. Wilfling erzählte, dass nahezu alle Hinweise – auch von türkischen Zeugen – in Richtung eines türkischen Täters gewiesen haben. Ein rassistischer Tathintergrund sei von allen Zeugen, die von den Beamten vernommen worden sind, nie genannt worden.

An einen Mordserie durch Neonazis habe er ferner nicht gedacht. „Diese raffinierte, intelligente Tatbegehung passte nicht zur rechtsradikalen Szene“, sagte Wilfling, der in seinem Leben noch nie einen intelligenten Nazi gesehen haben will. Eine „Spezialisierung auf Türken“ sei seiner Meinung nach zudem völlig neu, bei Neonazis hätte er dies noch nie beobachten können. Heute ist sich Wilfling sicher, dass es sich hierbei um eine gezielte Taktik der Mörder gehandelt hat, mit der die ermittelnden Beamten auf die Schiene der „Organisierten Kriminalität“ gelockt werden sollten. Verstrickungen der „Organisierten Kriminalität“ seien unter den vorliegenden Fakten nämlich deutlich wahrscheinlicher gewesen, führte er aus. Wie diese Einschätzung zu dem Nürnberger Neonazi Oxner (er erschoss mehrere Menschen in der Nürnberger Innenstadt) passt, der 1980 – kurz bevor er sich selbst erschoss – verkündete: „Ich schieße nur auf Türken“ wirft ebenso Fragen auf wie das bedenkliche Klischeebild vom dummen und naiven Neonazis, der zu einer solch komplizierten Tatbegehung nicht fähig ist. Die Konzepte der extremen Rechten, die zur damaligen Zeit kursierten und diskutiert wurden, waren wie den meisten seiner Kollegen auch Wilfling nicht bekannt, er hatte noch nie etwas von „Blood-and-Honour“, „Combat18“ oder dem Konzept des „führerlosen Widerstands“ gehört. Beruflich werde ihm dieses Thema ohnehin nicht nahegebracht, jedoch sei er ein „politischer interessierter Mensch“, der natürlich auch „Zeitung lesen“ und sich damit informieren würde.

Mit voranschreitender Zeit fiel den Beamten auf, dass die Ermittlungen feststecken und nicht mehr weiterkommen. Von diesem Moment an habe man schließlich auch andere Ansätze verfolgt. Mit Erscheinen der Fallanalyse habe es „geteilte Meinungen“
gegeben, doch man benötige „trotz Fallanalyse konkrete Hinweise“, die allerdings gefehlt hätten, so Wilfling. Die Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz beschrieb er als praktisch nicht existent, zu groß würde die Angst vor dem Trennungsgebot sein. Außerdem problematisch sei, so der Kriminaloberrat, der bestehende Föderalismus zwischen den Polizeibehörden der Länder.

Gerade die Vernehmung von Wilfling hinterließ aber einen besorgniserregenden Eindruck. Zwar hatte er nie eine Vernehmung mit der Hinterbliebenen von Theodorus Boulgarides geführt, dennoch behauptete er, dass sie immerzu fair behandelt worden sein. Wie aber will er das wissen, wenn er selbst nicht anwesend war? Und wieso weist der Mord an Mitbürgern türkischer Herkunft automatisch auf „Organisierte Kriminalität“ hin? Und wieso tut man den den Mord an Theodorus Boulgarides – einem Griechen – als Verwechslung mit einem türkischen Mitbürger ab? Und zuletzt auch: Wieso wird dort behauptet, eine „Spezialisierung auf Türken“ sei in der Szene nie aufgefallen? Dass diese Behauptung schlicht falsch ist, beweisen gleich mehrere überaus tragische Beispiele. Nennenswert sind hier etwa der bereits thematisierte Fall Oxner und der rassistische Brandanschlag auf das Habermeier-Haus in Schwandorf. Wie passt all das zusammen – und wie lässt sich all das auf einen gemeinsamen Nenner bringen? Das Verhalten Wilflings vor dem NSU-Ausschuss jedenfalls hat etliche Fragen aufgeworfen…

Zeuge: Gerhard Hausch, Erster Kriminalhauptkommissar, Polizeipräsidium Mittelfranken

Nachfolgend wurde der erste Kriminalhauptkommissar Gerhard Hausch vernommen. Er war im September 2001 in die SOKO-Halbmond gekommen und bliebt dort bis Januar 2002. Anschließend war er für die Informationssammelstelle zuständig mit dem Ziel, Hamburg und München auf dem gleichen Informationsstand zu halten. Seine Tätigkeiten seien vor allem administrativer Art gewesen, sagt Hausch. In der BAO-Bosporus habe er sich schließlich für die Fahndungsfernschreiben verantwortlich gezeichnet und auch Anschreiben an Polizeibehörden anderer Länder gestartet.

Bei den Ermittlungen sei ihm aufgefallen, dass bei der Tat Özüdogru eine enorme „Menschenverachtung“ dazu gehörte, weshalb er den Schluss zog: „Das sind Täter, die die Opfer nicht als Menschen sehen“. Ein Schwerpunkt der Arbeit sei relativ früh die Suche nach den Fahrradfahrern gewesen, die er persönlich auch schnell als Täter auszumachen glaubte. Durch intensives Aktenstudium fielen ihnen zudem Parallelen zwischen dem Nagelbombenanschlag in Köln und der Mordserie auf, schildert Gerhard Häusler. In beiden Fällen sei ein „absoluter Tötungswille“ zu beobachten gewesen, weswegen eine vergleichende Fallanalyse angestrebt wurde, die später allerdings wieder fallengelassen worden ist.

Erst nachdem man festgestellt hat, dass es zwischen den Opfern keinerlei Gemeinsamkeiten gibt, entfernte man sich zusehends von der Theorie der „Organisierten Kriminalität“ und fokussierte sich auf die „Einzeltäter/Serientätertheorie“. Selbst nach den Anfragen beim Verfassungsschutz sei man dieser Theorie weiterhin nachgegangen, sie sei mindestens ebenso „zielorientiert verfolgt worden“ wie die OK-Theorie, von der man nie völlig abgelassen hatte. Der Grund dafür sei gewesen, dass man nie wusste, welche Theorie denn „die einzig wahre ist“. Im Zuge der Einzeltäter/Serientätertheorie setzte man sich unter anderem auch mit dem Bundesnachrichtendienst und dem Militärischen Abschirmdienst in Verbindung. Nach rechtsgerichteten Tätern hatte man sich dort allerdings nicht erkundigt, wie sich Häusler erinnerte.

Die Ermittlungsmethoden von den Jahren 2001 bis 2004 verteidigte auch Häusler. Damals hätte es keine anderen Ansätze gegeben, die Methoden seien plausibel gewesen. Auch könne er nicht erkennen, inwieweit auf abenteuerliche Ermittlungsmethoden zurückgegriffen worden sein soll. Gescheitert seien die Ermittlungen seiner Meinung nach letztlich an einem „riesigen Berg, den man nicht übersteigen konnte, um den man nicht herumlaufen konnte und bei dem
man auch nicht durch die Mitte durch kommen“ konnte. „Es war unser Ziel, diese Täter dingfest zu machen, vielleicht sogar Morde zu verhindern, aber es ist uns nicht gelungen.“

Zeuge: Harald Pickert, leitender Kriminaldirektor, Polizei München

Der letzte Zeuge am Dienstag war der leitende Kriminaldirektor Harald Pickert, der zu Anfang die SOKO Theo geleitet hatte und später auch in die BAO-Bosporus mit involviert war. Am 15. Juni des Jahre 2005 wurde er informiert, dass Theodorus Boulgarides, der Inhaber eines Schlüsseldienstes in München, in seinem Laden ermordet worden ist. Daraufhin sei mit einer umfassenden Tatortarbeit begonnen worden: Spuren wurden gesichert, erste Befragungen durchgeführt, Experten vom LKA hinzugezogen. Einen Tag später hielt man eine Pressekonferenz ab, um über eine Öffentlichkeitsfahndung erste Hinweise zu erhalten. Unmittelbar nach der Pressekonferenz hätte dann festgestanden, dass die gleiche Waffe Verwendung gefunden hat, die bereits aus etlichen anderen Mordfällen, die sich zur damaligen Zeit bereits ereignet hatten, bekannt ist. Die SOKO-Theo ermittelte damals mit rund 40 Polizeibeamten.

Relativ bald fand auch ein Treffen mit den Kollegen in Nürnberg statt, das Pickert als Meilenstein beschrieb. Wenig später ging die Arbeit dann in die BAO-Bosporus über, erzählte der leitende Kriminaldirektor den Parlamentariern. Ende 2005 sei ihm schließlich klar gewesen, dass sich keine belastbaren Hinweise hinsichtlich der Opfer finden lassen. Sie alle seien „freundlich, nett und „strebsam“ gewesen, Verstrickungen in die OK wurden immer unrealistischer. Nichtsdestotrotz sei die „Organisationstheorie am Anfang wahrscheinlicher gewesen“. Bei den späteren Ermittlungen seien die Fahrradfahrer dann immer präsent gewesen.

Damals habe man sich allerdings einfach nicht vorstellen können, sagte Pickert, dass ein Trio so verdeckt, konspirativ über Jahre hier unerkannt im Untergrund leben kann. Von der Verfassungsschutzbroschüre, im dem die Flüchtigen abgebildet waren, habe er selbst nichts gewusst. Dennoch sei der Staatschutz der Polizei immer in die Ermittlungen eingebunden gewesen. Fragen warf in der Vernehmung Pickerts ein Punkt auf, den die Grünen Abgeordnete Susanna Tausenfreund eingebracht hatte. Demnach sei wenige Tage nach der Tat ein PKW mit vier Fahrern gesichtet und kontrolliert worden, einer davon sitze derzeit einer „rechtsextremen Organisation“ vor. Auf Nachfrage erklärte der Fahrer damals, er wolle seinem Beifahrer den Tatort zeigen. Pickert gab an, dass ihm dieser Vorfall bekannt gewesen ist, und der wohl auch überprüft wurde. Mehr wurde zu diesem Vorfall, dem durchaus großes Interesse gelten sollte, nicht gesagt.

Nach den zwei Sitzungen vom Dienstag und Mittwoch des NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag wurde deutlich, dass die Polizei zwar mit großem Aufwand ermittelte, aber doch starr auf Organisierte Kriminalität fixiert war. Wieso man ein ganz offensichtliches Motiv zu Anfang so nachlässig überprüfte, sollte Kritik hervorrufen. Auch, dass man jetzt im Nachhinein über die Medienberichte schimpft und sich als fast fehlerlos darstellt, verdient berechtigte Kritik.