«Diese Dimension konnte man sich nicht vorstellen»

NSU-Untersuchungsausschuss Bayer. Landtag, Foto: J. Hartl

Den Schwerpunkt der 26. Sitzung des NSU-Untersuchungsausschusses im Bayerischen Landtag bildeten die Ermittlungen im Mordfall Ismail Yasar. Dabei wurde deutlich, dass die Polizei einen entscheidenden Hinweis vernachlässigt hat, der womöglich die bundesweite Mord- und Anschlagsserie in einem ganz anderen Zusammenhang hätte erscheinen lassen können.

Spur bekommen, Spur missachtet

Genau erinnert sich Maria Wagner (Name geändert) noch heute an den 9. Juni 2005. Bereits nachdem sie morgens gegen 08.45 Uhr das Haus verlassen hat, sind ihr in einer Nebenstraße zwei Männer mit Fahrrädern aufgefallen, die ihren Beobachtungen nach einen Stadtplan studiert haben. Wenig später, als Wagner etwa um 09.10 Uhr wieder auf dem Rückweg war und an dem Döner-Imbiss von Ismail Yasar vorbeigefahren ist, habe sie die beiden Personen erneut gesehen. Diesmal beobachtet die Frau, wie einer der beiden dem Anderen einen Gegenstand in den Rucksack gesteckt hat, der mit einer Plastiktüte umhüllt gewesen sein soll.

Als sie im Laufe des Mittags von ihrem Sohn von der Ermordung von Ismail Yasar erfahren hat, wandte sich Maria Wagner sofort an die noch vor Ort ermittelnde Polizei und schilderte einem Streifenbeamten ihre Beobachtungen. Direkt am selben Tag erhielt sie deshalb einen Anruf von der Polizei und wurde für den 10. Juni zu einer Zeugenvernehmung bestellt. Dort schilderte sie den Beamten ihre Beobachtungen und gab eine sehr detaillierte Beschreibung der beiden Fahrradfahrer ab. Mitte des selben Monats wurde ein Phantombild angefertigt.

Fast ein ganzes Jahr später, am 23. Mai 2006, wurden Maria Wagner dann Videoaufnahmen aus der Kölner Keupstraße vorgeführt, in der die beiden Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kurz vor der Detonation der Nagelbombe ebenfalls mit Fahrrädern aufgenommen wurden. „Ich habe sofort gesagt: Das ist einer der Männer, die ich in Nürnberg gesehen habe“, erinnert sich Wagner heute vor dem Untersuchungsausschuss. Die Polizei hingegen schreibt in ihrem Protokoll, Frau Wagner sei sich „ziemlich sicher“ gewesen und habe von „identisch“ gesprochen. An dieser Version hielt der Kriminalhauptkommissar Hans-Karl Ruppe, der die Vernehmung damals durchgeführt hat, zunächst auch vor dem Ausschuss fest.

Geradezu dreist beharrte er auf seiner „Erinnerung“ und behauptete, das angefertigte Protokoll würde exakt die Aussagen Wagners gegenüber der Polizei wiedergeben. Erst auf mehrmaliges Nachfragen des Ausschussvorsitzenden Franz Schindler (SPD) hin räumte der Kriminalhauptkommissar ein, dass die heute 46-jährige Zeugin die beiden Neonazis in dem Video nicht nur „ziemlich sicher“, sondern mit hoher Sicherheit erkannt habe. Warum die Version im Protokoll der Polizei abgeschwächt wurde, könne er sich nicht mehr erklären.

Deutlich weniger Bedenken hatte die Polizei allerdings bei Nachfragen bezüglich möglicher Verbindungen in Richtung der Organisierten Kriminalität. Frau Wagner konnte sich jedoch unmöglich vorstellen, dass der Ermordete etwas mit Geldwäschern, Waffenschiebern oder gar der Mafia zu tun gehabt hat. Yasar sei ihr vielmehr als „freundlicher Mann“ in Erinnerung geblieben, der stets „nett“ zu ihren Kindern gewesen ist. Die Beamten begnügten sich damit aber nicht. Drei- bis vierfach hackten sie bei der Zeugin nach, erzählte diese am Mittwoch. So wollten die Polizisten von ihr immer wieder wissen, ob sie sich diesbezüglich auch sicher sei.

Die tatsächlich relevante Information der Zeugin, nämlich die Beschreibung der beiden Täter und die hergestellte Verbindung zum Nagelbombenanschlag in Köln, wurde hingegen von den Ermittlern kaum beachtet. Ruppe habe das Protokoll der Vernehmung an den Ermittlungsführer weitergegeben, der daraufhin eine Bewertung vorgenommen hat und es ebenfalls weiterleitete. Im genauen Verlauf muss diese Spur aber untergegangen sein, explizit weiterverfolgt wurde sie jedenfalls nicht. Aus heutiger Sicht wäre dies aber vermutlich „interessant“ gewesen, führte Karl-Heinz
Ruppe vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im Landtag aus. Er selbst hielt die Spur damals für einen „Treffer“.

Unerklärliche Diskrepanzen

Ähnliche „Diskrepanzen“ zwischen dem Protokoll der Polizei und der Aussage von Maria Wagner gab es auch bei einer Vorlage der aus den Kölner Videos herausgearbeiteten Bildern. Während Wagner auch hier die Täter wieder erkannt haben will, steht in der Niederschrift der Polizei, dass sie „nicht sicher sagen“ könne, ob es sich denn um die gleichen Personen handelt. Der verantwortliche Beamte, Peter Merkel vom Polizeipräsidium Mittelfranken, sagte vor dem Untersuchungsausschuss: „Wenn ich es so aufgeschrieben habe, hat sie es so gesagt!“ Wieso er die Differenzen zu den früheren Aussagen, in denen Frau Wagner die Täter sofort identifizieren konnte, nicht thematisiert hat, „weiß ich heute nicht mehr“, so Merkel. Normalerweise sei es allerdings üblich, auf Widersprüche aufmerksam zu machen.

Anders als sein Kollege Ruppe bezeichnete er die Spur nicht als „Treffer“. Wie alle Spuren sei sie mit in den „Topf“ eingeflossen, sagte er und revidierte die Aussage wenig später doch: „Ich möchte nicht sagen, dass es eine Spur wie jede andere war. Der Hinweis war da und ist schön höher bewertet worden, denke ich!“ Wer bei der BAO die Spur dann in ihrer Priorität herabgestuft habe, könne er den Parlamentariern nicht schildern: „Ich weiß es nicht mehr!“

„Zäsur“ doch erst viel später?

Bereits zuvor gewährte der ebenfalls als Zeuge vernommene Münchner Polizeibeamte Manfred Heger Einblicke in die Ermittlungen im Mordfall Boulgarides im Münchner Westend. Innerhalb kurzer Zeit nach der Tat wurde der Mord als weiterer Fall in der Serie erkannt. Daraufhin seien Überlegungen hinsichtlich der Motivation des Täters getroffen worden, zudem fand ein Austausch mit den in Nürnberg ermittelnden Kollegen statt, so Heger. Im Gegensatz zu der Aussage des Beamten Werner Störzer im Feburar dieses Jahres sei die erfolgte „Zäsur“ hin von der Organisierten Kriminalität zur „Einzeltäter/Serientätertheorie“ zeitlich jedoch viel später gewesen. „Das war in etwa dann, als die zweite Operative Fallanalyse fertig war.“

Tatsächlich sei eine umfassende Zäsur in Form einer „Neuausrichtung bzw. Umorganisation“ erst nach den Mordfällen acht und neun erfolgt, führte Heger aus. Der entsprechende Abschnitt sei fortan mit ca. 10 Personen besetzt gewesen und habe von Nürnberg aus die Ermittlungen geführt.

In München wurde unterdessen Spuren nachgegangen. Unter anderem sind von zwei „Damen“ auch Fahrradfahrer beobachtet worden – daraus habe sich aber nichts entwickelt. Ansonsten seien vor allem die Angehörigen der Opfer befragt worden, weil über diesen Weg Erkenntnisse erlangt werden sollten. Beschwerden über den Umgang der Beamte mit den Hinterbliebenen habe es in dieser Zeit nicht gegeben, sagte Heger aus. Er selbst habe in dieser Zeit aber – von „Flurkontanten“ abgesehen – selbst nicht mit Frau Boulgarides zu tun gehabt. Für den Münchner Beamten sei der Ansatz einer „fremdenfeindlichen Motivation durchaus vertiefbar“ gewesen, jedoch habe bei vielen Beamten der „Background“ gefehlt. Nazi-Netzwerke wie „Blood-and-Honour“ oder „Combat 18“ seien im Detail nicht bekannt gewesen.

Für gewisse Kontroverse hatte zudem der Wechsel des Anwalts durch Frau Boulgarides geführt. Der neue Anwalt habe sich mit einer Vollmacht ausgestattet nach der Akteneinsicht erkundigt, in späteren Gesprächen brachte er außerdem einen rechtsextremistischen Hintergrund ins Gespräch. Heger berichtete über dieses Gespräch bei der BAO-Bosporus mit dem Verdacht, der Anwalt sei vermutlich auf die Belohnung aus – Indizien dafür konnte er keine benennen. Eine Nachfrage bei der Witwe bezüglich des Anwaltswechsels seitens der Polizei habe diese dann verunsichert, erzählte sie später den Mitgliedern des Ausschusses. Heger verteidigte sich am Mittwoch vor den Abgeordneten damit, dass diese Erkundigungen rein aus „Interesse“ erfolgt sei und er daran „nichts verwerfliches“ feststellen könne.

nLetzten Endes sei die Mordserie nicht enttarnt worden, weil es „weder die Polizei noch die Gesellschaft auf dem Schirm“ hatte, legte Manfred Heger dar. Zwar habe es Demonstrationen für die Opfer gegeben, doch „die Dimension konnte man sich einfach nicht vorstellen“.