Keine Blumen für Stürzenberger, kein Feuer in Obermenzing: Selbstmitleid mit System – die rechte Opferrolle

links: Stürzenberger, rechts: überwachter Eingang "Braunes Haus"

In der Münchner Neonaziszene tummeln sich verurteilte Terroristen, mutmaßliche Unterstützer des NSU und anderer rechtsterroristischer Organisationen. Erst vor Kurzem richtete sich eine noch immer ungeklärte Serie von kleineren, aber durchaus brisanten Anschlägen gegen Menschen, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen. Doch zwei verdrehte Randnotizen, die die Szene – mehr oder weniger geschickt – zu Staatsakten stilisiert hat, sollen das Bild wieder zurechtrücken: „Gewaltbereite Muslime und Linksextremisten“ vereint mit „dem Staat“ gegen die geborenen Opfer von Rechtsaußen.

Aus Sachbeschädigung wird ein Brandanschlag
„Sachbeschädigung durch Graffiti“ – wenig spektakulär titelt die bayerische Polizei auf ihrer Homepage über ein so genanntes „Anarchozeichen“, das offensichtlich in der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober in einer Immobilie an der Carl-Hanser-Str. in München-Obermenzing angebracht wurde. Schmierereien mit einer Größe von 1,50 x 2m schaffen es in der Regel nicht in die Presseberichte der Millionenmetropole, doch in der Carl-Hanser-Str. befindet sich bekanntlich eine Mietimmobilie der bayerischen Neonaziszene, die die Bewohner selbst als das „braune Haus“ bezeichnen. NSU-Angeklagte und mutmaßliche Unterstützer, verurteilte Terroristen und Nazigrößen aus ganz Deutschland gehen hier ein und aus. Bei der bayernweiten, aber bislang gänzlich ergebnislosen Razzia gegen das Freie Netz Süd (FNS) spielte das „braune Haus“ eine zentrale Rolle: Die Ermittler mussten sich mit Gewalt Zutritt zum Haus verschaffen, indem die Bewohner sich regelrecht verschanzten. Kein normales Haus also. Diese Umstände machten den Fall offensichtlich für die Pressestelle der Münchner Polizei erwähnenswert. Der Staatsschutz ermittelt. In der lokalen Neonaziszene hat man solche Aktionen bereits erwartet. Die Randnotiz aus dem Polizeipressebericht ist dem FNS jedoch anscheinend nicht spannend genug und so haben deren „Redakteure“ das Ganze ein wenig aufpoliert. Was nicht passt, wird passend gemacht. Propagandistisch eben. Unter der reißerischen Überschrift „Antifa-Brandanschlag auf Nationalisten-WG“ veröffentlicht die Website des FNS am 27.10. ihre etwas eigene Interpretation des Vorfalls. Anders als im Polizeibericht sei inzwischen auch noch ein zweites Graffiti aufgetaucht, an einer Holzgartenlaube. Hier sorgt man sich zunächst um eine „Rechtschreibchwäche“ (sic!) der „Brandstifter“, ein Bild belegt einen Schreibfehler. Daran erfreuen sich die Seitenbetreiber des FNS, die sonst, was Orthographie betrifft, regelmäßig ein stark ausgeprägtes Toleranzverständnis beweisen. Die Brandstiftung aus der Überschrift findet im weiteren Text ebenfalls zeilenweise Erwähnung. Dem Bericht zufolge seien die „schlafenden Anwohner“ nur knapp dem Flammentod entgangen. Angeblich wäre eine angekokelte „Zeitung“ im Inneren der Laube gefunden worden. Von den „Brandstiftern“ dorthin gelegt, um das Gebäude in Brand zu stecken. Die Realität offenbart jedoch Zweifel an der Logik dieser Version. Wer sprüht auf ein Gartenhaus „Na(z)is raus“, um dieses Gartenhaus danach anzuzünden? Die sich in der Opferrolle seit jeher beheimatet fühlenden Neonaziaktivisten jedoch scheinen sich ihrer Rolle dankend angenommen zu haben. So sind sie sich sicher, hier bei einem Terroranschlag von „linkskriminellen potenziellen Mordbrennern“ nur knapp mit dem Leben davongekommen zu sein. Hinter der persönlichen Motivation der Erzähler, diesen Vorfall derart abenteuerlich aufzuputschen, liegt vermutlich auch der Drang nach Aufmerksamkeit. Die öffentliche Debatte, die man versucht anzustoßen, ist jedoch mit einem nicht zu unterschätzenden Kalkül behaftet. Die Bewohner des „braunen Hauses“ legen Wert auf öffentliche Wahrnehmung ihres Daseins, sowie auf Provokation. Bei einem Gartenfest am 20. Juli machten die Bewohner selbst die Öffentlichkeit mittels Flyern im Vorfeld auf die Veranstaltung aufmerksam, posierten dann mit verbotenen Grüßen und Tätowierungen vor den Kameras. Nazichef
Martin Wiese griff persönlich ein Auto an – alles ebenfalls vor laufender Kamera. Die Inszenierung der eigenen Person spielt hier ebenso eine Rolle, wie die gezielte Provokation von Gegenreaktionen.

Solidarität der Nazis mit Stürzenberger
Wenige Tage vor dem Graffitianschlag auf das „braune Haus“ äußerten militante Personen aus der bayerischen Neonaziszene öffentliche Solidaritätsbekundungen mit dem derzeit kommissarischen Bundesvorsitzenden der rechtspopulistischen Kleinstpartei Partei DIE FREIHEIT, Michael Stürzenberger, der in München seit über zwei Jahren lautstark und provokant gegen den Neubau von Moscheen agiert. Stürzenberger selbst ist bei einer seiner Kundgebungen auf dem Rotkreuzplatz nun von einem Faustschlag getroffen worden, trug einen blutigen Kratzer unter dem Auge und eine kaputte Brille davon. Von seinem Mitstreiter, dem früheren Mitglied der „German Defence League“, Sebastian Nobile, wird er daraufhin auf dem Hetzblog „PI-News“ zu einem Märtyrer erklärt, der fortan „aufgrund seiner Aufklärungsarbeit“ unter „Lebensgefahr“ stünde und besondere Solidarität benötige. In Köln hat Nobile jüngst selbst eine „Bürgerwehr“ gegründet. Aus Verteidigungsgründen, reiner Selbstschutz, vor den „ständigen Angriffen“.

Dem Faustschlag voraus gingen zwei Jahre, in denen Michael Stürzenberger kaum Möglichkeiten ausgelassen hat, Opfer einer Gewalttat werden zu „dürfen“. Exemplarisch hierfür steht ein Vorfall vor etwa einem Jahr, als er einen Kontrahenten, der sich im Ton vergriffen hat, dazu aufforderte, ihm „hier und jetzt“ den Kopf abzuschneiden. Er legte seinen Hals frei und fragte seine Mitstreiter, ob sie „zufällig ein Messer dabei“ haben, für diesen Zweck. Die eingesetzten Polizeibeamten staunten nicht schlecht und schienen auf einen Fall wie diesen nun nicht gerade vorbereitet gewesen zu sein, indem sich ein „Politiker“ in der Münchner Fussgängerzone gerne vor Zeugen und Kameras hinrichten lassen möchte. Natürlich kam es nicht zur Exekution Stürzenbergers am helllichten Tage, mitten in München. Auch die Polizei musste letztlich nicht einschreiten. Für einen selbstbemitleidenden PI-Bericht hingegen reichte es allemal. Es sind Vorfälle wie diese, die seine Anhänger mehr und mehr radikalisieren und die ihm die Solidarität anderer extrem rechter Organisationen zusichern. Fälle, die sich wöchentlich wiederholen. Stürzenberger heizt die Situationen allem Anschein nach bewusst an, um die Bilder zu bekommen, die seine pauschalisierenden Parolen untermauern sollen.

Karl Richter (NPD): Blumenstrauß für Stürzenberger
Dass Stürzenberger sich sonst mit – häufig selbst fundamentalistisch ausgerichteten – israelfreundlichen Organisationen solidarisiert stört im inszenierten Opferdasein der Nazis wenig: Getreu dem „gemeint sind wir alle“- Slogan schlägt der NPD- Vize und Münchner Stadtrat (BIA) Karl Richter höchstpersönlich in einem Antrag sogar vor, die Landeshauptstadt München solle einen Blumenstrauß für das „Gewaltopfer“ Stürzenberger spenden. Über den Antrag wurde noch nicht entschieden, Richters Anträge werden jedoch in der Regel einstimmig abgelehnt. Eine Anfrage auf eine Tapferkeitsmedaille für die Bewohner der Nazi-WG liegt derweilen noch nicht vor. Die Umstände, die zu einer derartigen Situation erst geführt haben, bleiben in der propagandistischen Aufarbeitung freilich unerwähnt. Seit zwei Jahren provozieren Stürzenberger und seine Gefolgsleute bei jeder Gelegenheit. Sie filmen heimlich in muslimischen Gebetsräumen, fotografieren in ihrer Freizeit Muslime, die sie auf der Strasse als solche erkennen und stellen diese Bilder dann, die Gesichter meist verpixelt, ins Netz. Sie warnen vor ihren Gegnern in Anti-Antifa-Manier mit Flyern oder diffamieren sie persönlich auf PI-News und in aller Öffentlichkeit auf den Plätzen Münchens. Stürzenberger legt in überhitzten Situationen häufig den Koran, den er immer bei sich hat, theatralisch auf den Boden, wohlwissend, dass dies von einigen Muslimen als tief entwürdigende Handlung verstanden wird. Viel zu oft geht
sein Plan auf und er bekommt eine – wenn auch bis Dato nur verbale- Eskalation zwischen „Moslems“ und „Ungläubigen“, wie er später dann in der Regel ergänzt.

Signifikante Überschneidungen in der Agitation zwischen Rechtspopulisten und Neonazis, obwohl sie sich sonst gerne voneinander distanzieren. Der Stadtratsantrag Richters unter dem Titel „Solidarität mit Stürzenberger“, der noch behandelt wird, wurde übrigens nicht wie sonst üblich auf der Informationshomepage des Rathauses veröffentlicht, weil Richter bei dem Täter immer von einem „Münchner“ sprach. In Anführungszeichen, weil er ja vermutlich kein „Blutsmünchner“ ist. Das Rathaus wertete dies laut BIA-Homepage als diskriminierend. Michael Stürzenberger hat dies einmal ähnlich gehandhabt, inzwischen spricht er – ebenso herabwürdigend, aber scheinbar weniger auffällig – bei türkischstämmigen Münchnern häufig von „Münchner Buntbürgern“, oder lässt sich andere nett klingende Umschreibungen einfallen. Wie auch immer man es ausdrückt: Den gemeinten Menschen wird das Recht abgesprochen, als vollwertige Menschen in unserer Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Einzig aufgrund ihrer ethnischen Herkunft. Ein weiterer leiser Angriff auf eine offene, tolerante Gesellschaft.