Vor 90 Jahren: Milde Strafe für Adolf Hitler

Gedanktafel für die vier beim Putsch ermordeten Polizisten

Am 1. April 1924 – heute vor 90 Jahren – fällte der Volksgerichtshof in München das Urteil über die Anführer des Hitler-Ludendorff-Putsches vom 9. November 1923. Darin spiegelte sich die Sympathie damaliger Richter gegenüber reaktionären Straftätern wider und lieferte die Grundlage für einige der bedeutendsten „Was wäre, wenn“-Diskussionen. Unter Anwendung geltenden Rechts wäre die Weltgeschichte wohl anders verlaufen.

Adolf Hitler, der kurz nach der Verhaftung angeblich Selbstmordgedanken hegte, nutzte den Prozess als große Bühne. Laut Otto Gritschneider hätte der Prozess innerhalb weniger Verhandlungstage beendet sein können, die ausschweifenden Verteidigungsreden des Hauptangeklagten, häufig mit Angriffen auf die Reichsregierung und die „Novemberverbrecher“, zogen das Verfahren jedoch in die Länge. Der Vorsitzende Richter Georg Neithardt ließ Hitler gewähren, der so bis zu vier Stunden am Stück reden konnte. Seine Verteidigungsrede nimmt in der Prozessdokumentation ungekürzt 45 Druckseiten ein, seine letzten Worte weitere 20 Seiten.

Sympathien auf der Richterbank

Neithardt war schon früher als gnädiger Richter aufgefallen, wenn er über Rechtsradikale zu urteilen hatte. Er fällte das Urteil gegen Anton Graf Arco-Valley, dem Mörder des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Formal wurde Arco zum Tode verurteilt. Ihm wurden die bürgerlichen Ehrenrechte allerdings nicht abgesprochen, seine Tat im Urteil (!) als Ausdruck von glühendster „Liebe zu seinem Volke und Vaterlande“ glorifiziert. Zudem sei das Volk über Eisner empört gewesen. Für Gritschneider kam das Urteil einer Laudatio gleich und lieferte die Begründung für die bereits am nächsten Tag folgende Begnadigung zu einer als ehrenhaft geltenden Festungshaft in Landsberg. Arco musste später seine geräumige Zelle räumen, als man diese für einen noch prominenteren nationalen Häftling – Adolf Hitler – „benötigte“.

Die Presse berichtete ausführlich über die einzelnen Verhandlungstage und verstärkte Hitlers Propaganda-Show, die das Gericht zuließ. Am Ende hielt selbst der Ankläger, Staatsanwalt Ludwig Stenglein, ein Lobrede auf Hitlers „Vaterlandsliebe“ und auf dessen Motive. Er hatte als Strafe zuvor acht Jahre Festungshaft gefordert. Hitler erhielt mit fünf Jahren die Mindeststrafe, die Dauer der Untersuchungshaft wurde angerechnet.

Der Kopf der nationalsozialistischen Bewegung war einschlägig vorbestraft. Richter Neithardt hatte ihn nach einer Versammlungssprengung wegen schweren Landfriedensbruchs schon einmal zu einer minimalen Haftstrafe verurteilt. Zudem war Hitler die Gefahr eines Bürgerkrieges eingegangen. Diese wenig mildernden Umstände rechtfertigten weder die Minimalstrafe noch die Aussicht auf baldige Aussetzung der Strafe zur Bewährung. Mit keinem Wort ging man auf die vier toten Polizisten ein. Den Diebstahl von Geldsummen oder den Angriff auf die SPD-Zeitung „Münchner Post“ legte die Anklage Hitler erst gar nicht zur Last. Angeblich waren auch die Laienrichter nur zum mildest möglichen Urteil bereit. Zudem hätte Hitler als Ausländer nach dem Republikschutzgesetz zwingend ausgewiesen werden müssen, gerade nach einer Verurteilung wegen Hochverrats.

Sympathien an den politischen Schalthebeln

Der spätere bayerische Ministerpräsident Wilhelm Högner arbeitet als Sachbearbeiter des Untersuchungsausschusses des Landtages zu den Vorgängen im November 1923 eine detaillierte Kritik des Urteils aus. Sie fand im Ausschuss keine Mehrheit. Auch der Antrag, die Aussicht auf Bewährung zu missbilligen, wurde abgelehnt.

Der Prozess hätte eigentlich gar nicht in München stattfinden dürfen. Der Aufstand, den Hitler am Jahrestag der Novemberrevolution angezettelt hatte, richtete sich gegen die Reichsregierung. Die Proklamation der Aufrührer erklärte diese für abgesetzt. Von Bayern aus sollte die „nationale Revolution“ nach Berlin getragen werden. Ein ums Leben gekommener Putschist trug eine vollständig ausformulierte neue
Verfassung bei sich.

In einem Verfahren wegen Hochverrats vor dem zuständigen Reichsgericht in Leipzig hätte Hitler nach den Republikschutzgesetzen unter Umständen sogar die Todesstrafe gedroht. Aber die bayerische Regierung wollte den Prozess im Freistaat halten. Dabei kam es ihr darauf an, die Rolle, die damals führende bayerische Amtsträger um Gustav Ritter von Kahr, Hans von Seißer und Otto von Lossow bei dem Aufstand gespielt hatten, auszublenden. Hitler hatte die drei am Abend des Putsches in ein Nebenzimmer des Bürgerbräukellers gedrängt, zur Kooperation genötigt und festgesetzt. Nach ihrer Flucht trafen sie Vorbereitungen zur Niederschlagung des Aufstandes, der dann am nächsten Tag blutig vor der Feldherrenhalle endete. Allerdings hatten sie sich, wie auch die bayerische Reichswehr, in den Monaten davor zu sehr in verräterische Umtriebe verstrickt, die Hitler als ebenfalls Beteiligter hätte ausplaudern können. Auch Neithardt spielte mit und prüfte seine Zuständigkeit nicht, üblicherweise der erste Punkt jeder rechtlichen Auseinandersetzung.

Hitlers Verhalten in Haft rechtfertigt keine vorzeitige Entlassung. Die Staatsanwaltschaft unter dem späteren Ministerpräsidenten Hans Ehard legte Beschwerde ein. Man fand Briefe, die nahelegten, dass Hitler und die anderen Putschisten den politischen Kampf neu organisierten und sich an Nachfolgeorganisationen beteiligten. Haftanstaltsdirektor Leybold fand dagegen den „anspruchslosen“, „uneigennützigen“ und „treuen“ „politischen Idealisten“ Hitler im besonderen Maße der Bewährung würdig.

Traumhafte Haftbedingungen

Der arbeitslose Kunstmaler begann sich laut dem englischen Historiker Ian Kershaw auch in der Haft weiter mit der Starrolle anzufreunden, die er im Prozess einnehmen konnte und die von seinen Anhängern sukzessive mit aufgebaut wurde. Aus dem „Trommler“, „Weckrufer“ und „Propagandisten“ sollte bald der „Führer“ werden.

Gegenüber Hans Frank bezeichnete Hitler einmal die Haft als „seine Hochschule auf Staatskosten“. Er hatte Zugang zu Zeitungen und Büchern. Seine Zelle in Landsberg glich einem Hotel mit Ausblick auf die Landschaft. Geschenke von Bewunderern wurden zugestellt und „Audienzen“ abgehalten. Sie wurden erst weniger als Hitler begann, sich auf die Abfassung von „Mein Kampf“ zu konzentrieren. Mehrfach überarbeitet und redigiert, finden sich darin seine politischen Prinzipien, seine langfristigen Ziele und die Überzeugung seiner eigenen „Mission“. Wer aber ein konkretes politisches Programm sucht, wird nicht fündig werden.

Der spätere Diktator kam kurz vor Weihnachten 1924 auf freiem Fuß. Er hatte in Haft zugenommen und sah laut Kershaw „aufgeschwemmt“ aus. Hätte er die volle Haftstrafe verbüßen müssen, wäre er erst 1928 / 1929 wieder in Freiheit gewesen. Die völkische Bewegung hatte sich innerhalb seines kurzen Gefängnisaufenthaltes heillos zerstritten, in diverse Gruppen gespalten und bei Wahlen kräftig verloren.

Schon am 25. Februar 1925 sprach Hitler wieder im vollbesetzten Bürgerbräukeller. Perfekt inszeniert schworen am Ende mehrere Streithähne und Erzfeinde ihre gegenseitige Treue auf den „Führer“.

„Was wäre, wenn“

Auch wenn die Bemühungen (noch nicht) von Wahlerfolgen geprägt waren, konnte Hitler die Zeit nutzen, seine früheren Anhänger wieder zu sammeln und Konkurrenten wie Erich Ludendorff ausschalten, den er zur erfolglosen Kandidatur um das Amt des Reichspräsidenten drängte. Seine Haftzeit war womöglich kurz genug, um eine Stabilisierung des völkischen Milieus unter anderen Anführern bzw. eine dauerhafte Spaltung zu verhindern. Ein 1928 oder später entlassener Hitler hätte vermutlich eine ganz anders aufgestellte „Bewegung“ vorgefunden. Der Hinweis auf das „Chaos“ in der „führerlosen Zeit“ wurde ein wichtiges Instrument, Streithähne zu disziplinieren und der Führerkult galt allen Beteiligten bald als einziges Rezept gegen die Streitlust und wirkte integrierend.

Später entlassen wäre die Zeit vermutlich zu knapp gewesen, um eine Organisation aufzubauen,
die aus der Weltwirtschaftskrise hätte Kapital schlagen können. Selbst, wenn es Hitler geglückt wäre, wieder politisch Fuß zu fassen, wäre sein Zirkel kaum groß genug gewesen, um für andere Gruppierungen der demokratiefeindlichen Rechten ein attraktiver Bündnispartner für gemeinsame Kampagnen zu sein.

So profitierte Hitler als einziger von der gemeinsamen Kampagne der NSDAP, der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und des paramilitärischen „Stahlhelms“ gegen den „Young-Plan“, der die Frage der Entschädigungszahlungen Deutschlands für die Kriegsschäden des Ersten Weltkriegs neu regeln sollte und für Deutschland eigentlich vorteilhaft war. Der Volksentscheid gegen den ausgehandelten Plan, den die drei Organisationen angezettelt hatten, wurde im Dezember 1929 deutlich verloren. Durch die gemeinsame Werbung über das Medienimperium Alfred Hugenbergs (DNVP) aber hatte Hitler an Bekanntheit gewonnen. Das hatte ihm die Türen zu neuen Finanzquellen geöffnet, die für den Ausbau der Propagandamittel wichtig waren. Mit jeder weiteren Wahl wurde die NSDAP stärker.

Dennoch lag die letztendliche Machterlangung nicht in seinen Händen. Wie beim Gerichtsurteil war der Antisemit auf die Hilfe und das Wohlwollen anderer angewiesen. Die NSDAP siegte sich bei den Reichstagswahlen langsam „zu Tode“. Hitler spielte „Alles oder Nichts“: Er wollte nur die Kanzlerschaft, die ihm der Kreis um den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg noch nicht geben wollte. Seiner zunehmend müden, deprimierten und zugleich aufsässigen Massenbewegung drohte der Zerfall, sollte die Beteiligung an der Macht nicht bald verwirklicht werden. Der Weg schien aber endgültig verbaut, die Reichsregierungen wurden noch ohne die Nationalsozialisten gebildet.

Ian Kershaw schreibt dazu:

„Der 13.August 1932 hätte ein entscheidender Moment in Hitlers Ringen um die Macht sein sollen. Nach den Ergebnissen dieses Tages hätte es niemals zum 30. Januar 1933 kommen dürfen. Ohne Verbündeten in hohen Positionen, denen es schließlich gelang, den Reichspräsidenten umzustimmen, wäre Hitler auch als Chef einer riesigen Bewegung und über 13 Millionen Anhängern im Land nicht an die Macht gelangt. Der Umstand, dass Hitler die Kanzlerschaft nach einem Sieg verweigert und erst nach einer Niederlage (bei der Reichstagswahl im November) übergeben wurde, war nicht einem „Triumph des Willens“ zuzuschreiben. […] Sein Aufstieg hätte schon lange vor dem Schlussakt im Januar 1933 gestoppt werden müssen.“

Waren es am Ende politische Entscheidungen, so bot das Urteil nach seinem Putsch-Versuch doch die wahrscheinlich beste Möglichkeit, Adolf Hitler zu verhindern. Dazu hätte es einfach nur nach „Recht und Gesetz“ zugehen müssen. Ein entsprechendes Urteil hätte vielleicht die Demokratie von Weimar nicht gerettet, die insgesamt auf schwachen Füßen stand. Es hätte aber wohl verhindert, dass der mörderische und radikalste Totengräber am Ende zu Zuge kommen sollte.