SS-Gedenken bei Bad Reichenhall an mobiler Gedenkstätte

Mobile Gedenkstätte wird verladen

Etwa 50 Sympathisanten der extremen Rechten zog es am Samstag zu einer Gedenkveranstaltung auf einem abgelegenen Parkplatz bei Bad Reichenhall. Vordergründig erinnerte man an zwölf 1945 dort getötete Franzosen, die auf Seiten der Waffen-SS gekämpft hatten. Zur Veranstaltung wurde eigens eine mobile Gedenkstätte mitgebracht.

Seit über 30 Jahren nutzen Sympathisanten des NS-Regimes eine kleine Episode gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, um die Rolle der Waffen-SS zu glorifizieren. Zwölf kollaborierende französische Soldaten, Angehörige der SS-Division „Charlemagne“, wurden nach einem gescheiterten Fluchtversuch aus der Kaserne in Bad Reichenhall, wo sie interniert worden waren, ohne Gerichtsurteil erschossen.

In der Region war man lange dem Gedenken an die SS-Angehörigen positiv gesonnen. Die Soldaten wurden auf dem örtlichen Friedhof St. Zeno begraben und somit in die „Dorfgemeinschaft integriert“, wie das antifaschistische Bündnis „rabatz“ in seinem Aufruf zur Gegenkundgebung schrieb. An dem Ort der Erschießung wurde ein Denkmal errichtet, das erst 2007 entfernt wurde, als die Bayerischen Staatsforsten den Pachtvertrag kündigten. Es findet sich nun ebenfalls auf dem Friedhof. Zudem war die Kaserne lange nach einem fragwürdigen Gebirgsjäger benannt. Noch heute mahnt man an der „Kreta-Brücke“ den Soldaten, die bei der Einnahme der Mittelmeerinsel umkamen. Geradezu wehmütig erinnert sich Hauptredner Roland Wuttke an die Zeiten, in denen mehr Bürger, offizielle Stadtvertreter, Soldaten der Bundeswehr und französische Abordnungen am Gedenken teilnahmen. 2014 ist man weitgehend unter sich und verloren am abgelegenen Waldparkplatz.

Versammlungsleiter will Gegendemonstranten „zusammenkartätschen“ lassen

Auch Versammlungsleiter Uwe Brunke, 2012 im Streit aus der NPD ausgetreten, fand reichlich Punkte zur Klage. Länger arbeitet er sich an den Gegendemonstranten ab und sparte nicht mit Beleidigungen, Schmähungen und Drohungen. Mal waren die Protestierenden „entmenschte[r] antideutscher Pöbel“ und „Sozialschmarotzer“, mal „Aussatz der BRD-Gesellschaft“. Er empfahl mit einem Zitat des Preußenkönigs Friedrich das „zusammenkartätschen“ lassen als geeignetes Mittel gegen die „vaterlandslosen Aufrührer“.

„Fünfte Kolonne Moskaus“, eine früher gängige Bezeichnung, empfand er dagegen als Beleidigung des russischen Präsidenten und lobte dessen Vorgehen gegen die „Zeichen westlicher Dekadenz“. Unter Putin wäre so eine „Versammlung von Lumpen“ nicht denkbar, so Brunke. Seinen Zorn zogen auch die Bayerischen Staatsforsten auf sich, die erst kürzlich Bäume gefällt haben sollen, um Teile des Gedenkortes zu bedecken. Das wolle man sich merken für die Zeit, in denen der Spieß umgedreht wird, so der Versammlungsleiter drohend. Er wunderte sich, dass nicht mehr „Gutmenschen“ den Franzosen, also „auf deutschem Boden ermordeten Ausländern“ gedenken würden, wäre dieser „pawlowsche Reflex“ doch gerade beim „NSU-Märchen“ deutlich zu beobachten.

Seine Rede war weiterhin gekennzeichnet von den Frontstellungen, die auch schon das Denken Hitlers und der Nationalsozialisten bestimmten. Insgesamt hätten sich zu wenige dem Kampf der Nazis gegen das angebliche Bündnis aus Bolschewismus und „Weltplutokratie“ angeschlossen. Wen er hinter beiden Entwicklungen vermutete, zeigte Brunke, als er Jacques-Philippe Leclerc, im Zweiten Weltkrieg General auf Seiten der Freien Franzosen, als „Stiefellecker der Hochfinanz“ bezeichnete. Auch weitere von heutigen Antisemiten verwendete Umschreibungen fielen in seiner Rede. Später ging er ohne erkennbaren Grund gegen ein Kamerateam des Bayerischen Rundfunks vor und versuchte Aufnahmen mit Hilfe seiner Redemappe zu behindern.

Rechtsextreme Esoterik für Kinderohren

Wuttke oblag es in seiner Rede zunächst, für die Anwesenden die deutsche Kriegsschuld zu relativieren. Hierzu stellt man gerne beide
Weltkriege als einen dar, begonnen 1914 und angezettelt von den jeweils gleichen „antideutschen Kräften“. Später stellte sich der umtriebige Aktivist noch in die Tradition des 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannten italienischen Priesters und Philosophen Giordano Bruno. Er wolle damit zeigen, dass „die Frontstellungen“, von denen er heute gesprochen habe, „wesentlich älter seien als nur 69 Jahre, oder hundert Jahre oder zweihundert Jahre“.

Und natürlich gehört zum neonazistischen Denken, dass dieser Krieg auch nach 1945 fortgeführt worden sei und letztlich die ganze Demokratisierung Deutschlands nichts anderes sei als ein perfider Plan interessierter Kreise. Jeder Journalist bekam, so Wuttke, damals „einen Umerzieher an seine Seite“, wenn er nicht sowieso von den Amerikanern ausgebildet worden sei.

Die Teilnehmer fordert Wuttke auf, die Stärkung der Gegenkräfte zu organisieren. Er lobte die Waffen-SS als erste europäische Armee, für sein folgendes Loblied auf den „Schwarzen Orden“ zitierte er den neurechten italienischen Esoteriker und Rassentheoretiker Julius Evola. Die SS sei als Orden eine europäische Bewegung und aus seinen Reihen heraus sei eine neue Elite zu schaffen. Diese haben „einen Wert nicht nur für die eigene Nation, sondern für alle arischen Völker, die gegen den gleichen Feind kämpfen“. Die getöteten SS-ler hätten von diesen philosophischen Gedanken zwar nichts gewusst, aber gefühlt, da war sich Wuttke sicher. Er erhob das Denken in quasi religiöse Höhen, das man nicht beweisen, sondern glauben und leben müsse.

Zum Ende seiner Rede brachte Wuttke noch ein Zitat vom Gegensatz zwischen „heldischem“ und „kaufmännischem“ Geist. Es stamme von einem „großen Staatsmann des vorherigen Jahrhunderts“, den er nicht namentlich nannte. Vereinzelt wird es Hitler zugeschrieben. In dem getöteten Franzosen habe sich dieser heldische Geist gezeigt, während aus den dummen Wahlplakaten allerorten, der kaufmännische Geist, dem es nur um individuelle Vorteile gehe, spreche.

Vermutlich meinte er damit nicht die Wahlplakate der anwesenden NPD-Kandidatin Edda Schmidt, die ein Gedicht von Walter Flex vortrug. Außen vor ist mangels Wahlantritt die Partei Die Rechte, deren Münchner Kreisvorsitzender Phillip Hasselbach teilnahm. Unter den Zuhörern befanden sich zwei Kinder / Jugendliche im Alter von etwa 12 Jahren. Einer wurde funktional in die Veranstaltung eingebunden und spielte auf einer Trompete während des Gedenkens nicht ganz fehlerfrei ein Lied.

Gegendemonstranten bis zum Versammlungsort zu hören

Nicht zu sehen waren die führenden Köpfe der Kameradschaft Berchtesgadener Land. Sie führten wohl am Donnerstag eine eigene Veranstaltung durch. Laut Pressemitteilung der Polizei fanden sich am gleichen Parkplatz 20 Angehörige der rechten Szene ein.

Die Veranstaltung am Samstag endete gegen 15.50 Uhr nach etwas über neunzig Minuten. Man packte nicht nur die französische Fahne und die Fahne in den Reichsfarben wieder ein, sondern auch die mobile Gedenkstätte, die man eigens mitgebracht hatte, wurde wieder in den angemieteten Sprinter geladen. Anschließend lud man zum Ausklang in ein Gasthaus.

Gegen die Veranstaltung protestierten laut Veranstalter bis zu 120 Teilnehmer, deren Sprechchöre bis zum Versammlungsort der Neonazis zu hören waren. Auch zwei holländische Touristen hatten zufällig von der Veranstaltung erfahren. Sie fanden die Veranstaltung zunächst interessant, waren aber auf Nachfrage überhaupt nicht mit den Inhalten einverstanden. Die Tötung der Franzosen sei nicht in Ordnung gewesen, „aber wissen sie, es war Krieg und sowas passiert im Krieg“ befanden sie abschließend wesentlich nüchterner als die in Grüppchen abziehenden Neonazis.

Fotos auf unserer Facebook-Seite