NPD-Vize: Zahnbürsten sollen Neonazis hoffähig machen

Screenshot Kaufmannsladen Storch Heinar. Der wusste es schon lange vor Karl Richter

Die NPD hat es nicht leicht. Finanzprobleme, weil ihre Kader die Rechenschaftsberichte nicht korrekt ausfüllen können oder sich in Parteikassen bedienen. Ständig neue Verfahren gegen die „Macher“ sowie eine vorbestrafte mittlere Funktionärsebene. Dann der öffentlich ausgetragene Streit um die Ex-Pornodarstellerin Ina Groll, in dem sich exemplarisch die „alten“ Denkmuster der Neonazi-Ideologie zeigen: Wer „Rassenschande“ betreibt, muss bestraft werden. Bundesvize Karl Richter glaubt nun, einen weiteren Grund für die Erfolglosigkeit ausgemacht zu haben: Die Weigerung von Teilen des „nationalen Widerstandes“, eine Zahnbürste zu benutzen.

Peinliche Einblicke in die NPD offenbarten vor Jahren die verschiedenen Medien zugespielten Emails, die höchst fragwürdige Interna ans Tageslicht brachten. Dort empfahl so mancher „Kopf“ seinen Mitstreitern, sich zunächst einen Duden anzuschaffen, bevor man Flugblätter schreibe.

Beschämend ist dies besonders für die völkische Szene; geht sie doch davon aus, dass die „Deutschen“ ein gemeinsames Band verbinde: „Deutsch sein“ sei etwas, was nicht erworben oder verloren gehen könne, was Spitzenmanager und Supermarktkassiererin verbinde. Nur zu gerne verhöhnen Neonazis deutsche Staatsbürger als „Plastikdeutsche“, wenn die Abstammung nicht stimmt. Dabei sind sich die verschiedenen Strömungen nicht sicher, was verteidigt werden soll. Wohl nach Publikum ist es mal die „weiße Rasse“, mal das „christliche Abendland“, mal die „deutsche Kultur“. Da passt es kaum ins Bild, wenn die „Reinheit“, die in der rassistischen Ideologie schlimmste Menschenrechtsverstöße wie Vertreibung rechtfertigen soll, von den eigenen Leuten selbst untergraben wird: Weil sie die Sprache nicht beherrschen. Jedenfalls füllen Schreibfehler deutscher Wutbürger so manche Satireseite im Netz.

Mit Zahnbürsten gegen den „Volkstod“

NPD-Vize Karl Richter, persönlicher Referent des NPD-Europaabgeordneten Udo Voigt, hat nun eine weitere Lücke der „Bewegung“ ausgemacht. Für eine Machtergreifung fehle es an Zahnbürsten. Bei einer seiner Kundgebungen gegen die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende in der Bayernkaserne im Münchner Norden will er diese Erfahrung gemacht haben. Auf seiner FB-Seite schreibt der frühere Chefredakteur des NPD-Sprachrohrs Deutsche Stimme (DS) folgendes:

„Das müssen wir nur noch kultivieren. Dringende Bitte an unsere „Szene“, auch andernorts: spielt jetzt einfach nur mit. Und zwar so, daß der Normalbürger nicht vor euch davonlaufen muß. Keine Tätowierungen, keine Sonnenbrillen ohne Sonne, und stinkt bitte nicht aus dem Mund. Seid jetzt bitte Fürsprecher des Volkes, die auch so aussehen.“

Zuspruch für diese Aussage bekommt Richter von vielen Seiten – unter anderem von Sigrid Schüßler, Matthias Faust und dem Ex-Chef der hessischen NPD, Jörg Krebs. Ein Nutzer, mutmaßlich NPD-Funktionär Frank Schwerdt, hält das für einen „notwendigen Appell“. Ein anderes Profil, bei dem es sich um den Kader Der Rechten, Philipp Hasselbach handeln könnte, hält so einen Aufruf für aufgrund der traurigen Realität ebenfalls für erforderlich. Berücksichtige die Szene seine Ratschläge, so Richter, perlten auch die „Nazi“-Vorwürfe von ihr ab. „Bitte stinkt nicht aus dem Mund“, fleht seine Mitstreiter an. Ob Richter und Co. jetzt vor Infoständen wie Pferdedoktoren die Beißerchen ihrer Wahlkämpfer kontrollieren, ist nicht bekannt.

Neonazi beim Wildpinkeln. Richter wirft das ja gerne Flüchtlingen vor
Foto: Neonazi beim Wildpinkeln. Karl Richter hält das in seinen Reden gerne Flüchtlingen vor

nInteressant ist ferner Richters Einschub, die „Kameraden“ mögen beim Kultivieren bitte mitspielen. „Kultur“ scheint für Richter nur etwas für die Elite zu sein, zu der er sich wohl selbst zählt. Die Masse des „nationalen Widerstandes“ hingegen sei wohl nur Fußvolk, mit dem man sich bis zur Machtergreifung irgendwie arrangieren müsse. Adressaten von Richters Anklage sind wahrscheinlich Teile der bayerischen Kameradschaftsszene, die sich zurzeit in der Partei „Der Dritte Weg“ neu organisiert. Schon im Kommunalwahlkampf in München hatte der NPD-Landeschef Vorwürfe aus dieser Richtung gekontert und einen Kritiker „halbdebil“ genannt. Er vermutete damals Rechtsterrorist Martin Wiese hinter den Anschuldigungen gegen seine Person.

Das Fehlen vorzeigbarer Kader ist wohl mit ein Grund, warum die NPD bundesweit Anhänger mit Geld für Wahlkämpfe ködern will. Ob sich auf aktuelle Aufrufe wie gerade in Thüringen allerdings die passenden Leute finden – also vorzeigbare Mitstreiter mit einwandfreier Kauleiste –, um Infostände zu besetzen bzw. Flyer zu verteilen, ist fraglich. Richter muss ziemlich verzweifelt sein, demontiert der NPD-Vize doch das Bild, dass die NPD und andere völkischen Akteure so sorgsam aufzubauen versuchen: ordentliche, sauber „Biodeutsche“ auf der einen Seite, „dreckige, faule und schmutzige Ausländern“ auf der anderen. Bleibt die Frage: Welche Erklärung gibt es für das desolate Auftreten der Neonazis?

Zuerst erschienen bei ENDSTATION RECHTS