So offen nationalsozialistisch agierte das Freie Netz Süd

Vor zwei Wochen hat der bayerische Innenminister das neonazistische Kameradschaftsnetzwerk Freies Netz Süd (FNS) verboten. Er stützt das Verbot auch auf die Wesensverwandtschaft der Organisation mit dem historischen Nationalsozialismus. Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, wie offen sich die Akteure bildlich und sprachlich bei den Nazis bedienten und dem Dritten Reich huldigten. In der Partei „Der Dritte Weg“ führen sie das nahtlos fort. Eine Zusammenstellung ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

von Johannes Hartl und Thomas Witzgall

Man sei „kein Fan von Adolf Hitler und der NSDAP“, das „sei Vergangenheit“, man kümmere sich lieber um die „Probleme von heute“ wie „Globalisierung“ und angebliche „Verausländerung“. Das waren beliebte Antworten, die so manche Kameradschaftsseite in selbstgebastelten „Frage-Antwort-Seiten“ dem Leser präsentierte. Wer sich tiefer mit der Szene beschäftigt, konnte über solche Ausflüchte nur den Kopf schütteln. Da gab es Feiern am Geburtstag Adolf Hitlers, so mancher Neonazi ließ sich sogar an dem Termin trauen, was die Ehen nicht langlebiger machte. Profilbilder, sogenannte Avatare, in Sozialen Netzwerken und Foren strotzten nur so von Verherrlichung von Kriegsverbrechern.

Wahlplakate der NSDAP als grafische Vorlage

Auch auf Demos ging es nationalsozialistisch zu. Ein beliebtes Motiv war der „Arbeiter“. 2013 zur Demonstration am 1. Mai in Würzburg druckte ihn das Freie Netz Süd auf das offizielle Kampagnen–Shirt. Die Darstellung wirkt nicht nur überholt und alt, sie ist es auch. Der Arbeiter wurde direkt aus einem Wahlplakat der NSDAP aus dem Jahr 1930 herauskopiert.

Kampagnenshirt FNS 2013 Demo Würzburg
Neonazis sammeln sich zur Demo in Würzburg 01.05.2013 – Foto: Thomas Witzgall

Auch von anderen Plakaten haben sich einzelne Neonazis bedient.

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Kundgebung des FNS in Burgkirchen 28.04.2012 – Foto: Johannes Hartl

Dieses T-Shirt zeigt ein NSDAP-Motiv und wird von einem Zitat geziert, das Adolf Hitler zugeschrieben wird.

Was wollte die rechte Szene 2013 – Arbeit, Freiheit! und Brot?

Alt und zumindest unpassend für die heutige Zeit wirkten auch so manchen Parolen, mit denen das Freie Netz Süd auf die Straße ging. Schienen Forderungen nach Arbeit und Freiheit im Kontext noch ansatzweise zeitgemäß, wenn es um soziale Themen ging, änderte sich das vollends bei der doch ungewöhnlichen Forderung nach Brot, das der nationale Sozialismus sichern sollte.

arbeit freiheit brot
Aktionstag Süd des FNS, Kundgebung in Augsburg, 30.03.2013 – Foto: Thomas Witzgall

Auch dieser Dreiklang lässt sich eigentlich nur dadurch erklären, dass bereits die Nazis diese drei Forderungen auf ihre Plakate druckten. Schon bei der Reichstagswahl 1928 präsentierte die Hitler-Partei diesen Slogan und griff ihn später immer wieder auf.

Und auch die Parole vom „Arbeiter der Stirn und der Faust“ fand ihren Weg auf die Demonstrationsbanner des Freien Netz Süd im Jahr 2013, hier z. B. bei der Kundgebung in Kitzingen, die zur Werbung für die Demo am 1. Mai in Würzburg dienen sollte.

FNS Kundgebung Kitzingen
Foto: Johannes Hartl

Der Ausdruck „Arbeiter der Faust und Arbeiter der Stirn“ wird laut Cornelia Schmitz-Berning direkt Hitler zugeschrieben und soll schon 1921 im Völkischen Beobachter Verwendung gefunden haben. In dem entsprechenden Eintrag in „Das Vokabular des Nationalsozialismus“ heißt es weiter mit Bezug auf eine Rede des Diktators von 1923, aus beiden sollte der neue Mensch hervorgehen, „der Mensch des kommenden Deutschen Reiches“

Auch die Deutsche Arbeitsfront (DAF) griff diesen Slogan auf und wurde als Organisation der „schaffenden Deutschen der Stirn und der Faust“ ins Leben gerufen. Die DAF war die größte NS-Organisation. Die Mitgliedschaft war freiwillig, wer als Arbeiter aber nicht als unzuverlässig gelten wollte, musste Mitglied werden. Juden waren ab 1934 ausgeschlossen.

Das Symbol der „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ weht über Oberprex

Das Freie Netz Süd hatte kein allgemeines Logo, das jetzt als Zeichen, nach dem Verbot, unter die Paragrafen des Strafgesetzbuches fallen würde. Flaggen, die man in großer Zahl auf Demos mit sich führte, zeigten häufig einen Hammer, der mit einem Schwert gekreuzt war. Auch dieses Emblem ist historisch. Benutzt wurde es zusammen mit dem Hakenkreuz vom Kampfverlag. Dieser Verlag wurde das Sprachrohr des „linken Flügels“ der NSDAP um Otto Straßer, als die Partei versuchte, Mitte der 1920er Jahre in Norddeutschland Fuß zu fassen. Mit Hitler teilte man den Antisemitismus, den Antliberalismus und das völkische Denken. Anderer Auffassung war man in der Wirtschaftspolitik, der Außenpolitik und Fragen wie der Fürstenabfindung.

Das Gaufeldzeichen der Hitlerjugend weht über Oberprex* (c) J. Hartl
Oberprex

Nach der Abspaltung 1930 eines Teils der NSDAP wurde das Symbol zum Logo der „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“. Es sollte die Einheit von Arbeiter und revolutionären Deutschen symbolisieren. Später stand es für die Volksgemeinschaft als Arbeitern und Soldaten. Diese Gruppe setzte weiter auf die „Deutsche Revolution“, deren Unteroffiziere man sein wollte. Man sah sich als die eigentlichen Hüter der nationalsozialistischen Idee und des Programms, deren Ziele nicht mehr von Hitler vertreten würden.

Otto Straßer bemühte sich um unzufriedene SA-Abteilungen und um Hitlerjungen. Eine Machtbasis gab es nie. Zeitweise mussten Veranstaltungen auch von den paramilitärischen Verbänden der Kommunisten geschützt werden, um vor Übergriffen von Seiten der NSDAP sicher zu sein. 1933 wurden die Überreste verboten, Otto Straßer entkam im Exil der Abrechnung, die rund um den „Röhm-Putsch“ stattfand. Seit 1929 war das Symbol auch als Gaufeld-Abzeichen der Hitlerjugend in Gebrauch. Das Freie Netz Süd verwendete es ohne Hakenkreuz und farblich leicht abgewandelt. Die Neonazis um ihren Kopf Matthias Fischer nutzten eine rote Fahne mit schwarzem Logo, die „
Kampfgemeinschaft“ dagegen die schwarze Fahne mit einem roten Emblem.

Mit Arno Breker aufs Festival als „Die Partei“

Inspiriert wurde das Freie Netz Süd auch von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker (1900 – 1991). Der Bildhauer mit einem gewissen Talent wechselt im Dritten Reich zur repräsentativen Auftragskunst und durfte durch die Gunst Hitlers und Albert Speers im großen Stile modellieren, was ihm den Namen eines „Partei-Stukkateurs“ einbrachte. Seine Kunst verlieh dem Rassegedanken der Nazis einen imposanten Ausdruck und das zu 100 Prozent. Seine Standbilder waren noch aggressiver, sie kannten kein Zurück, keinen Ausgleich, keine Schwäche. Es war das Begleitprogramm zum sozialdarwinistischen Gesellschaftsbild, dem Triumph des angeblich „Starken und des Gesunden über den Schwachen und Kranken“.

Zwei seiner Standbilder durften den Ehrenhof von Hitlers Neuer Reichskanzlei ausschmücken. Zusammen mit dem Hoheitszeichen verkörperten sie die Staatsmacht. Auf der einen Seite stand der Schwertträger, genannt „Die Wehrmacht“, auf der anderen Seite ein Fackelträger mit dem Titel „Die Partei“.

Für ihr Festival „Europa erwacht“, das für den 13. August 2013 geplant, dann aber verboten wurde, nutzte man in den Reihen des FNS dann Brekers Fackelträger, der den offiziellen Flyer zierte. Die Fackel sollte im historischen Arrangement vor Hitlers Amtssitz die Überlegenheit des deutschen Geistes propagieren, die zweite Statue die Vorherrschaft deutscher Waffen.

Screenshot Internetseite "Freies Netz Süd"
Screenshot Veranstaltungsseite. Links die Statue Brekers

Das Foto selbst stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit direkt von der Wikipedia-Seite bzw. dem rechten Pendant Metapedia. Das Bild zeigt Brekers zweiten Fackelträger aus dem Jahr 1941, der nicht vor der Reichskanzlei stand, aber auf beiden Lexika-Seiten den Titel „Die Partei“ trägt.

Wenn die BRD den Vergleich mit dem NS-Regime nicht standhält

Und auch in Reden hielt sich mancher Aktivist nicht zurück. Bei einer Kundgebung in Burghausen im August 2012, die von Karl-Heinz Statzberger angemeldet und von Roy Asmus geleitet wurde, holte man sich Roland Wuttke ans Mikro. In seiner Rede sprach dieser dann davon, dass es in Deutschland in jenen zwölf Jahren ein Gegenmodell gab,

„das ihr nicht mehr aus der Geschichte auslöschen könnt. An diesem Gegenmodell muss sich die BRD fortwährend messen lassen. Und dieses Gegenmodell steht in der Geschichte einmalig und dieses Gegenmodell wird und wirkt, denn es hat ein besseres, ein sozialeres Deutschland gezeigt.»

Später stellte Wuttke dann fest, dass die BRD

„Angst hat, vor dem Schatten, der über dieser BRD liegt. Und es ist dieser Schatten aus diesen 12 Jahren dieses großen Deutschen Reiches, in dem alles funktioniert hat, in der eine große Solidarisierung des Volkes mit der politischen Führung stattgefunden hat, ganz anders als heute. Und an diesem System wird sich die BRD messen lassen müssen und diesen Vergleich hält diese BRD nicht stand.[…] Und der Gegenentwurf ist bekannt, er steht in der Geschichte, er steht einmalig da und an diesem Gegenentwurf kommt ihr nicht vorbei. Und dieser Gegenentwurf ist so groß und so einmalig, dass diese BRD dagegen kläglich und jämmerlich erscheint.“

Eine eindeutigere Glorifizierung des Dritten Reiches mit all seinen Taten kann es eigentlich nicht geben.

Razzia und Dritter Weg

Seit das bayerische Innenministerium im Juli 2013 mit einer Razzia Beweismittel für ein Verbot des Freien Netz Süd gesammelt hat, mussten die Aktivisten des Kameradschafts-Dachverbandes mit dem Wegfall ihrer legalen Strukturen
rechnen. Aus diesem Grund haben sich die ehemals parteifreien Neonazis spätestens ab Oktober 2013 auch in der Öffentlichkeit der neuen rechtsextremen Partei „Der III. Weg“ zugewendet, die einen Monat zuvor in Heidelberg gegründet worden war. Inzwischen unterhält die Partei, die sich bundesweit in vier Gebietsverbände gliedert, fünf Stützpunkte in Bayern. Mit Niederlassungen in München (November 2013), Hof (Januar 2014), Nürnberg/Fürth (März 2014), Schwaben (Mai 2014) und Ostbayern (Juni 2014) sind genau jene Aktionsräume abgedeckt, in denen zuvor vor allem das FNS beziehungsweise dessen lokale Kameradschaften aktiv waren.

Zudem weist „Der III. Weg“ strukturelle wie personelle Überschneidungen mit dem FNS auf. So sind als Leiter der Stützpunkte Hof (jetzt: „Hochfranken/Vogtland“) und Ostbayern Tony Gentsch und Walter Strohmeier bekannt, die beide führende Rollen im verbotenen Netzwerk eingenommen hatten. Weitere Überschneidungen lassen sich auch in Nürnberg und München feststellen, wo der FNS-Führungskader Matthias Fischer beziehungsweise der FNS-nahe Rechtsterrorist Martin Wiese Reden hielten. Und der demnächst nach Brandenburg ziehende Fischer trat ebenso wie Gentsch zuletzt sogar fast ausschließlich als Redner im Namen der neuen rechtsextremen Kleinstpartei auf.

Seit einiger Zeit bemüht sich der „III. Weg“ außerdem um die Ausrichtung eigener Veranstaltungen in Bayern. Neben einem rassistischen „Aktionswochenende“ gegen eine geplante Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Deggendorf betraf dies vor allem eine rechtsextremistische Feier am 12. Juli in der von Tony Gentsch bewohnten Immobilie im oberfränkischen Oberprex, zu der nach Angaben der Sicherheitsbehörden rund 110 Teilnehmer erschienen. Damit bietet „Der III. Weg“ dem FNS heute nicht mehr bloß sicherere Strukturen, sondern tritt auch vermehrt als Veranstalter von eigenen Aktionen auf, die in Bayern allen voran Aktivisten aus dem Umfeld des Freien Netz Süd angezogen haben. Insofern können die mittlerweile fünf bayerischen Stützpunkte der Partei heute als weit entwickelte und bayernweit verankerte (indirekte) Nachfolgestrukturen des FNS angesehen werden.

NS-Bezug beim „III. Weg“

Ähnlich wie das FNS macht aber auch „Der III. Weg“ aus seiner Bezugnahme auf den Nationalsozialismus keinen Hehl. Nach Ansicht des bayerischen Innenministeriums lehnt sich beispielsweise das „10 Punkte Programm“ der Partei an das „Gedankengut des historischen Nationalsozialismus an, auch wenn die ideologischen Grundzüge der Partei anders formuliert werden“. Mit dem 25-Punkte-Programm der NSDAP teile sich das Programm des „III. Wegs“ ferner einen „biologischen Volksbegriff“ sowie „die Pflicht der Staatsbürger zur Arbeit“, heißt es in einer ausführlichen Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der Landtagsabgeordneten Ulrike Gote (Grüne). Weiterhin lasse sich „die Forderung nach einem ‚deutschen Sozialismus’ (…) auch im Sinne der NSDAP verstehen.“

Doch nicht nur im Programm bezieht sich „Der III. Weg“ mehr oder weniger subtil auf die NSDAP. Auch auf ihren Werbemitteln wird das Symbol mit Hammer und Schwert genutzt, das schon beim FNS hohe Verbreitung fand.

Aufkleber FNS / DIIIW
Aufkleber des Freien Netz Süd (links) und III. Weg

Und an anderer Stelle berichten die Aktivisten des „III.-Weg“-Stützpunkts „Hochfranken/Vogtland“ schon mal von einem Ausflug nach Paderborn, wo sie unter anderem auch die Wewelsburg besucht hätten, deren Nutzung als Ort für die nationalsozialistische „Schutzstaffel“ (SS)
offenbar das besondere Interesse der rechtsextremen Reisegruppe geweckt hat. Ausführlich berichtet die Partei auf ihrer Website voller Empörung von einer „zeitgeschichtlichen antideutschen Ausstellung“, die sie hätten „durchlaufen“ müssen, sowie von einem „BRD üblichen Schuldkult-Komplex“, der den „profanen und unkritischen Touristen (…) eingeimpft“ werden soll.

Allerdings hätten die „Nationalisten (…) diese antinationale Hetz-Ausstellung (…) schlicht links liegen gelassen“ und dann die „auch noch aus der SS-Zeit existente Räume des ‚Obergruppenführersaals’ und der Gruft“ besichtigen können. Wohl zufrieden mit dem Ausflug heißt es auf der Website abschließend: „Was neben den zahlreichen kulturellen und geschichtlichen Einblicken des Kulturausfluges bleibt, ist auch die Gewissheit einmal mehr dem antinationalen Zeitgeist entronnen zu sein und die eigene Freizeit sinnvoll im gemeinsamen Kameradenkreis gestaltet zu haben.“ Auch das spricht – sogar relativ offensichtlich – eine eindeutige Sprache.

Mit dem „III. Weg“ hat das FNS offenbar auch in dieser Hinsicht einen „würdigen Nachfolger“ gefunden.