„Affäre Roßmüller“: Karl Richter wirft Landesvorsitz in Bayern hin

Karl Richter und Sigrid Schüßler

Die Meldung, dass sich der bayerische Landesvize Sascha Roßmüller in Untersuchungshaft befindet, hat erste Konsequenzen. Karl Richter gibt mit sofortiger Wirkung den Vorsitz der bayerischen NPD auf. Auch die Stellvertreterin und enge Vertraute Richters, Sigrid Schüßler, trat von ihrem Amt zurück.

Die Nachricht war Donnerstagnachmittag durchgesickert. Bei einer ansonsten unspektakulär verlaufenen Razzia gegen das organisierte Rockermilieu in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Österreich wurde auch ein beantragter Haftbefehl gegen Sascha Roßmüller, Secretary beim Regensburger Chapter der Bandidos, vollzogen. Der bayerische Landesvize wurde laut Mittelbayerischer Zeitung in Untersuchungshaft genommen, was die NPD mittlerweile gegenüber Spiegel Online bestätigt hat.

Die Personalie ist heikel. Roßmüller wollte beim kommenden Bundesparteitag der NPD als Stellvertreter kandidieren. Er galt trotz seiner Verbindungen in die Rockerszene als Wunschkandidat von Frank Franz, dem aktuellen Pressesprecher der Partei, der sich um den Vorsitz bewirbt. Franz, der beim letzten Wahlpartei als Stellvertreter noch durchgefallen war, nannte Roßmüller einen „politisch intelligenten Mann“, auf den die Partei nicht verzichten könne. Es sei egal, was er in seiner Freizeit treibe.

Die genauen Umstände der Ermittlungen gegen den NPD-Spitzenmann sind derweil unklar. Es geht um eine mögliche Beteiligung Roßmüllers an einer Messerstecherei im Dezember 2010 in Straubing. Gegen den Landesvize war in der Sache strafrechtlich ermittelt, das Verfahren aber eingestellt worden, weil – laut Behörden – eine „Mauer des Schweigens“ die Ermittlungen erschwerte. Trotzdem hatte der Vorfall spürbare Konsequenzen für den langjährigen Funktionär: Der 41-Jährigen verlor die Erlaubnis, einen Sicherheitsdienst zu betreiben.

Für Karl Richter, Stadtrat in München für die Tarnliste Bürgerinitiative Ausländerstopp und persönlicher Referent des Europaabgeordneten Udo Voigt, brachte der neuerliche Skandal das Fass zum Überlaufen. Der sprach auf seiner Facebook-Seite von einem „Erreichen der Schmerzgrenze“ und zog gegen das „System Apfel“ zu Felde, dessen Personal von Peter Marx bis Patrick Wieschke hauptsächlich Skandale produziert habe. Der traurige Höhepunkt sei der unrühmliche Abgang des ehemaligen Parteivorsitzenden selbst gewesen. Apfel werfen seine früheren Wegbegleiter vor, sich sexuell an zwei jüngeren „Kameraden“ vergangen zu haben. Auch Roßmüller stellte er in diese Reihe, trotz pflichtschuldiger Betonung der Unschuldsvermutung. Als Mitarbeiter in der abgewählten sächsischen Landtagsfraktion war der Bandido eng in dieses eingebunden. Sich selbst sah Richter hingegen als Warner vor der „Bandido-Falle“, dessen Bedenken ständig abgebügelt worden seien.

„Nürnberger Gesetze“ gelten auch für den Umgang

Auf seinem Facebook-Profil entwickelte sich darauf eine lebhafte Diskussion, die viele aktuelle Bruchstellen der extrem rechten Partei aufzeigte: Die sächsische NPD wusch ihre schmutzige Wäsche. Elitäre Neonazis prallten auf Aktivisten, die sich eher den Schlägertruppen der SA verbunden fühlen. Wünsche, die LAH [vermutlich ist die Leibstandarte Adolf Hitler gemeint, Anm. d. Red.] würde aufräumen, machten die Runde.

Parteianhänger, die in organisierten Rockern mögliche Verbündete sehen, gingen auf Konfrontation zu völkischen Rassisten , die Biker als „undeutsch“ ansehen, da sie „aus den USA eingeschleppt“ seien und „US Kulturimperialismus unterstützen“. Auch für Dieter
Riefling passten Roßmüllers Aktivitäten nicht zusammen. Er könne nicht einen „Kulturfremden“ als „Bruder“ ansprechen und am nächsten Tag NPDler als „Kameraden“. Der bundesweit als Redner auftretende Neonazihatte kürzlich in einem Kommentar klargestellt, dass für ihn ausschließlich die „Nürnberger Gesetze“ gelten, offenbar auch verbal, mit wem Umgang erlaubt sei.

„Prinzenschläger“ kommt wohl nach Bamberg

Alexander Kurth, Aktivist auf Leipzig, der die ganzen Diskussionen auf Richters Profil mit ausgelöst hatte, träumte derweil von 20.000 Wutbürgern, die am Samstag in Bamberg „gegen Asylmissbrauch“ auf die Straßen gehen. Kurth, der aus der NPD ausgetreten sein will, hatte eine Nachwahl der Kommunalwahl in Leipzig ausgelöst. Er war zwar nicht gewählt worden, hätte aber aufgrund seiner Vorstrafen nicht aufgestellt werden dürfen, was die Wahl ungültig machte. 2003 hatte Kurth mit einem „Kameraden“ den Sänger der Band „Die Prinzen“, Sebastian Krumbiegel, und ihren Schlagzeuger Ali Ziemer attackiert. Wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Raubes wurde er zu einer Haftstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Im Jahr 2009 folgte die nächste Gefängnisstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung, Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen und Betruges.

Karl Richter verfolgte die Diskussion mit über zweihundert Beiträgen vermutlich genüsslich. Hin und wieder ergriff er das Wort, um – elitär wie man ihn kennt – um sich mit Fürsprechern Roßmüllers auseinanderzusetzen oder bayerische Kameradschaftsangehörige anzugreifen.

Rücktritt um vier Uhr nachts

Mitten in der Nacht, kurz vor vier, verkündet Richter auf der Facebook-Seite des Landesverbandes überraschend seinen Rücktritt. Er wolle die Konsequenzen tragen, dass Spitzenpersonal der NPD den eigenen Ansprüchen nicht genüge. Darüber hinaus wolle er mit solchen Leuten nicht mehr in einem Atemzug genannt werden. Die Wahl Roßmüllers zu seinem Stellvertreter hatte er in der Diskussion auf Facebook mit dessen großer Anhängerschaft im bayerischen Landesverband begründet. In der Pressemitteilung gab er auch den Rücktritt seiner engen Vertrauten Sigrid Schüßler bekannt. Damit bleibt vom engeren Parteivorstand nur Roßmüller übrig. Richter empfahl für den ebenfalls im November geplanten Parteitag der NPD Bayern die Abwahl der „weiteren altgedienten Roßmüller-Seilschaftler im Landesvorstand durch unverbrauchte und integre Nachwuchskräfte“. Diese dürften in der NPD schwer zu finden sein.