München ist buntZeichen der Mitmenschlichkeit gegen völkisch-nationalistischen Bagida-Aufzug

Blick auf die Veranstaltung von "München ist bunt"

Die Initiative „München ist bunt“ lud gestern zu einer Gegenkundgebung gegen den später am Tag stattfindenden Pegida-Aufmarsch. Besonders Kabarettist Christian Springer beeindruckte mit einer nachdenklichen sowie anekdotenreichen Rede. Bei den Islamhassern gab es dagegen ungewöhnliche Verstimmungen und Eitelkeiten.

Nach einigen Wochen des lautstarken Protests entlang der Demonstrationsstrecke organisierte das Bündnis „München ist bunt“ gestern wieder ein Programm gegen den „Spaziergang“ der selbsternannten Patriotischen Europäer. Mit an Bord waren wieder mehrere Münchner Künstler; Julian Heidenreich und die Band Triska unterstützten die Veranstaltung musikalisch.

Es war aber Kabarettist Christian Springer vorbehalten, die zahlreichen Teilnehmer mit einer bemerkenswerten Rede zu fesseln, die zum einen sehr nachdenklich stimmte, den Finger in so manche Wunde legte, aber auch zahlreiche Anekdoten bot und erheiterte. Er forderte die Zuhörer auf, nicht nur an dem Tag gegen Bagida Flagge zu zeigen, sondern auch an jedem anderen Tag und ganz normal im Alltag. „Wir können denen [Pegida, Anm. des Autors] ihre Überzeugung nicht austreiben, aber wir können sicherstellen, dass wir die mehreren bleiben“, lautete seine Botschaft.

„Sorge dafür, dass es bei den Kameraden gut ankommt“

Springer, der für sein humanitäres Engagement im Nahen Osten über den Verein Orienthelfer e.V. von der BayernSPD mit dem Waldemar-von-Knoeringen-Preis 2014 ausgezeichnet wurde, kündigte an, an Ostern wieder nach Kobane in Nordsyrien zu fahren, um weitere Hilfsmaßnahmen zu koordinieren. Und an dieser Stelle wurde es bitter für die Weltgemeinschaft. Laut Springer lässt eben diese die ehemals umkämpfte Stadt nach der Befreiung von den Truppen des Islamischen Staates weitestgehend alleine. Die Menschen setzten dort eher auf die Hilfe kleiner ehrenamtlicher Organisationen, die selbst bereits „auf dem Zahnfleisch gehen“, beschrieb Springer die beschämende Situation vor Ort und die angespannte Lage seiner Hilfsorganisation.

Obwohl die Kämpfe die Stadt weitestgehend zerstört hätte, würden Menschen dorthin zurückkehren, weil auch ein ausgebombtes Haus mit Keller noch ein Stück Heimat sei. Die Menschen kämpften dort um ein Überleben oder wenigstens um ein wenig Bildung für ihre Kinder, damit die es einmal besser hätten.

Emotional wurde es auch einer weiteren Stelle. Der Verein sammelt auch Ausrüstungsgegenstände, um im Nahen Osten Feuerwehren auszurüsten. Die Spendenbereitschaft hierzulande sei bemerkenswert groß. Die einzige Bitte sei, so Springer, er solle dafür Sorge tragen, dass es „bei den Kameraden gut ankommt“. Für den Kabarettisten war das ein unglaubliches Signal der Mitmenschlichkeit. Obwohl sie meilenweit voneinander getrennt leben, sich nicht kennen und eine andere Kultur haben, so Springer, fühlen sich doch Menschen einander verbunden, dass sie sich als Kameraden ansehen.

Aufbrechende Eitelkeiten bei Stürzenberger?

Bei den Islamhassern, dem bayerischen Pegida-Ableger Bagida reagierten dagegen wieder andere Worte. Erster Redner am Sammelpunkt in der Brienner Straße war Uwe Görler von der rechtspopulistischen Pro-Bewegung. Schon vor seinen ersten Worten forderte die Menge dagegen lauthals, Michael Stürzenberger, Vorsitzender der rechtspopulistischen Partei Die Freiheit, solle reden. Versammlungsleiterin Weißmann blockte dagegen ab, Görler wäre schon lange versprochen worden, sprechen zu dürfen.

Nach etwa zwanzig Minuten langatmiger Rede, die inhaltlich kaum Neues bot, forderte Weißmann ihn auf, zum Schluss zu kommen. Anschließend gab sie ihm mit dem Kommentar, nicht jedem sei das Sprechen in die Wiege gelegt, auch ihr nicht, noch einen kräftigen Seitenhieb mit auf den Weg.

Die Rede des Pro-Aktivisten sorgte unterdessen bei Stürzenberger, der
die letzten Wochen nicht in München mit auf der Straße war, für Verstimmung. Aus der Anhängerschaft wurden immer wieder Rufe laut, er solle sofort sprechen, während die Polizei und die Versammlungsleitung auf den Beginn der Demonstration drängten. So blockierte sich der Aufzug kurz selbst, Weißmann verkündete gar über die Lautsprecheranlage, der PI-News-Autor Stürzenberger sei über den Ablauf „entsetzt“. Wohl zum Zeichen, verstimmt zu sein, lief der während des Demonstrationszuges, eingehakt mit Lebensgefährtin Ester und anderen Aktivistinnen, im hinteren Teil des Demonstrationszuges, statt wie sonst, vorne via Megafon die Parolen vorzugeben.

Am Ende des „Spazierganges“ richtete er sich doch an seine Anhänger. Wie schon häufiger vorher sprach er Moslems ab, in Deutschland legitimerweise Asyl suchen zu dürfen.

Rechtsterroristen, Thor Steinar, Grenzen von 1937

Der Charakter der Bagida-Demonstrationen blieb auch gestern inhaltlich völkisch-nationalistisch und zog auch ein dementsprechendes Publikum an. Die beiden verurteilten Rechtsterroristen Karl-Heinz Statzberger und Thomas Schatt mischten sich in einer Gruppe Gleichgesinnter unter die Teilnehmer. Ein eingesetzter Ordner trug die bei Neonazis beliebte Kleidungsmarke Thor Steinar verdeckt unter der Jacke, ein weitere Teilnehmer dagegen ganz offen und für alle sichtbar. Sein Nebenmann, stark tätowiert, bekannte sich am Hals zu einem Deutschland in den Grenzen von 1937 und in den Farben schwarz-weiß-rot. Ein anderer Anhänger warf den Gegendemonstranten vor, Völkermord zu betreiben.

Auch Peter M., Unterstützer der neonazistischen Partei Die Rechte, ließ sich von den Israel-Fahnen und kaum ernst gemeinten Distanzierungen der Bewegung vom Rechtsextremismus davon abhalten, wieder am Aufzug teilzunehmen. Trotz massiver Kritik am windelweichen Abgrenzungskurs gegen rechts, pflegt er ein gutes Verhältnis zu Versammlungsleiterin Weißmann.

Kritik an Stürzenberger – «Fredy Woody» mit Profilbild des NPD-Funktionärs Manfred Waldukat, Screenshot Facebook-Seite Peter M.

Die scheint nach elf Veranstaltungen auch langsam ungehalten über die Stagnation des bayerischen Pegida-Ablegers. Zur nächsten Veranstaltung, die wohl erst für den 20. April geplant ist, soll nun jeder schon „zwei oder drei neue Mitstreiter“ mitbringen und nicht wie bisher immer nur einen, so ihre Aufforderung, die bisher auch kaum geklappt hat. Angekündigt wurde von ihr Karl-Michael Merkle. Der als „Michael Mannheimer“ auftretende Blogger schreibt ähnlich wie Stürzenberger gegen den Islam und religiöse Toleranz. Außerdem bemühe sich das Organisationsteam „intensiv“ um Lutz Bachmann. Ob der nach dem Fehlschlag von Wuppertal noch einmal seine „Wohlfühloase“ Dresden verlässt, ist fraglich. Nur 110 Teilnehmer unterstützen laut Polizei die gestrige Veranstaltung.