Drei Fragen zu: Ernst Jünger«Er war einer der wortgewaltigsten Antidemokraten und Antiparlamentaristen jener Zeit.»

Ernst Jünger - In Stahlgewittern & Der Arbeiter

Ernst Jünger (1895 – 1998) gilt als eines der ideologischen Vorbilder der Identitären Bewegung. Vielen ist er vor allem durch sein erstes Buch In Stahlgewittern ein Begriff. Im April war Jünger auch Thema bei einem offenen Stammtisch der Jungen Alternative Franken. ENDSTATION RECHTS.Bayern sprach dazu mit dem Politikwissenschaftler Nasser Ahmed, der aktuell über Ernst Jünger promoviert.

ENDSTATION RECHTS.Bayern: Wo stand Ernst Jünger politisch in der Zeit der Weimarer Republik?

Jüngers anarchistischer Nationalismus ist nur vor dem Hintergrund seiner Selbstwahrnehmung im Ersten Weltkrieg zu verstehen. Sie ist durchzogen von der Ambivalenz zwischen der Entstehung eines Führertypus im Frontsoldaten und auf der anderen Seite dem total hilflos den technischen Massenvernichtungskomplex ausgelieferten nackten Menschen. Seine massenhaften Publikationen bis 1927 in verschiedenen Stahlhelm-Zeitschriften uvm. sowie seine danach auch für Linksextreme offenen Gesprächsrunden machen Jünger zu einem Einzel- und Grenzgänger. Er ist einer der wortgewaltigsten Antidemokraten und Antiparlamentaristen jener Zeit. Er vertritt ein agonales Weltbild: Fortschritt für den (deutschen) Menschen gebe es nur durch Krieg und die männlichen Tugenden des Krieges.

Die Demokratie und der Liberalismus verherrlichten alles Weibliche und entmannten die Schöpfungskraft ganzer Generationen. Jüngers nationaler Mensch ist einer, der nicht fragt, wofür es sich zu sterben lohnt, sondern der ohne mit der Wimper zu zucken sein Leben aufs Spiel setzt. In Jüngers „du bist nichts, dein Volk ist alles“ liegt von Beginn seines Wirkens die Betonung auf dem ersten Teil und nicht auf dem zweiten! Jünger wünschte sich ein Deutschland, in dem diejenigen laut metaphysischer Rangordnung an die Macht kämen, die sich in Extremsituationen bewiesen hätten.

Nasser Ahmed, M.A., ist stellvertretender Vorsitzender der Nürnberger SPD. Er promoviert bei Prof. Dr. Clemens Kauffmann zum Thema «Biopolitische Perspektiven – Zwischen Lebensmacht bei Ernst Jünger und Biomacht bei Michel Foucault» – Foto: Rüdiger Löster

Wo stand Ernst Jünger nun in der Zeit der Weimarer Republik? In erster Linie gegen die Republik. In zweiter Linie bei den Soldaten, denen er Heldenstatus verlieh und selbst bei den von der NSDAP geächteten Freischärlern. Doch zugleich stand Jünger auch bewundernd vor Lenins rigorosem Modernisierungsprojekt.

Ich denke, die Selbstbezeichnung „heroischer Realist“ trifft es noch am besten. Dies soll jemanden bezeichnen, der in der instrumentellen Rationalität der Moderne, welche in den zwei totalen Kriegen kulminierte, zwar den großen Schmerz zu sehen vermochte, der aber seinen Mitmenschen die Unausweichlichkeit noch viel größerer Schmerzen als alternativlos darstellte.

Liberalismus, Menschenrechte, Demokratie, Pazifismus: all das seien Lösungen für Fragen einer alten Zeit. Man müsse die Zeitenwende realistisch sehen, die Anforderungen der Moderne an den Menschen akzeptieren. Freiheit erlange man nicht durch liberale Verträge, die den Krieg ächten oder durch den Gesellschaftsvertrag bzw. den Klassenkampf, welche der Ausbeutung Vorschub leisteten. Nein! Freiheit erlange der moderne Mensch nur durch das Ja-Sagen zu Krieg und Ausbeutung – also indem er den neuen Anforderungen gehorcht. Freiheit durch Gehorsam, das ist Jüngers paradoxes Programm.

ENDSTATION RECHTS.Bayern: Welche Ideen liefert Ernst Jünger heute Parteien und Organisationen am politisch rechten Rand?

Politisch tätig wird Jünger nach dem Krieg nicht. Auch zur politischen Lage der BRD veröffentlicht er nicht mehr. Sehr wichtig für die Rezeption durch die Neue Rechte ist daher Armin Mohler, der einige Jahre nach dem Krieg Jüngers Privatsekretär und ein großer Bewunderer Jüngers Werk von Weimar war. Mohler ist als Redenschreiber von Franz-Josef Strauß, Stiftungsleiter, Autor und relativ angesehener Journalist der entscheidende Link zu heutigen Intellektuellen der Neuen Rechten, wie Götz Kubitschek.

Wohl die wichtigsten Aspekte, die heutige Intellektuelle von Jünger aufgreifen, sind der Antiliberalismus und der Antiparlamentarismus. Das Argument der Verweiblichung unserer Gesellschaft durch die Demokratie ist ungebrochen übergegangen in neurechte Kampfformen gegen sogenannten Genderwahn, angebliche „political correctness“ und vieles mehr.

IB Österreich gratuliert per Twitter Ernst Jünger – Screenshot Twitter

Jüngers Nietzsche-inspiriertes Denken des Lebens als Kampf ist fruchtbarer Mutterboden für neue Ideologie des anarchistischen Kampfes im Alltag im angeblichen „clash of cultures“. Der Jünger’sche Duktus springt einen etwa bei Götz Kubitschek geradezu an. Oftmals zitiert er Jünger auch. Etwa 100 Jahre nach dem tragischen Auftakt des totalitären Jahrhunderts schreibt eben jener Kubitschek als „Metapolitiker“ der Neuen Rechten gegen einen angeblichen liberaldemokratischen Einheitsbrei der Bundesrepublik an.

Dieser Einheitsbrei, so Kubitschek, hätte den deutschen Mann zur „Verhausschweinung“ erzogen und ihn seiner männlichen Schöpfungskraft, welche ja im Krieg liege, beraubt. Neben den beiden Polen der antiken „Ratio“ und dem „Eros“, die heutzutage die Politik beherrschten, fehle es am männlichen „Thymos“, an der platonischen Lebenskraft, die Kubitschek kurzerhand vor allem mit dem männlichen Mut zum Zorn, zum Widerspruch, zum Aufbegehren – einem männlichen „Indignez vous“ von rechts sozusagen – gleichsetzt.

Ganz im Sinne Ernst Jüngers gibt Kubitschek der AfD mit auf den Weg, keinesfalls zur Partei des „gesunden Menschenverstands“ zu avancieren. Solch eine Partei könnte nämlich nur Menschen erreichen, die sich nach einem sicheren, bürgerlichen Leben sehnten und diese Sicherheit noch im „morschesten Haus“ erkennen würden. – denn der oberste Mangel, den wir im Abendland hätten, wäre, dass wir uns in einer „Lage ohne Auftrag“ befänden.

Junge Alternative Franken mit Stammtisch zu Ernst Jünger – Screenshot Facebook

Das bedeutet, dass Menschen neben der platten, kapitalistischen Versprechung des Glücks durch Konsum keine ästhetische Möglichkeit der Selbstbestätigung durch das elementare Sich-selbst-Riskieren, das Aufnehmen des „Vorbürgerkrieges“ mit dem Anderen hätten, um sich selbst als Deutsche zu bestätigen.

Die Fähigkeit des Deutschen erlahme, seine Kraft durch die männliche Auseinandersetzung wieder zu spüren und sie zu gebrauchen. Solch ein Volk sei dem Untergang geweiht. Sichtbar würde dies daran, dass sich der Mainstream überhaupt nicht mehr gegen das Hineinströmen des Fremden wehre (also gegen Ausländer und Migranten). Die Fremden führen für Kubitschek auf kurz oder lang zum Bürgerkrieg – das ginge gar nicht anders. Doch der Deutsche verschlafe die Mobilmachung.

Jünger liefert vor allem von Nietzsche stammende genealogische Vorstellungen der Gesellschaft als Krieg, dem der Einzelne sich stellen müsse. Zusammen mit Vorstellungen des Alain de Benoist haben neurechte Intellektuelle dies zu einem Kampfaufruf um die hegemoniale Kultur im „Abendland“ ausgebaut.

ENDSTATION RECHTS.Bayern: Ist Jünger ein Vorbild für Demokraten und warum / warum nicht?

Jemand, der die Demokratie so verabscheut hat wie Ernst Jünger kann auf keinen Fall ein Vorbild für einen Demokraten sein. Die wohlwollendste Einschätzung, die man meiner Meinung nach treffen kann ist Folgende: Jünger hat wohl – übrigens ähnlich wie Carl Schmitt in seinem Freund-Feind-Konzept – auf eine Schwäche des Liberalismus hingewiesen.

Aufkleber zu Ernst Jünger im IB-nahen Phalanz Europa-Versand – Screenshot

Jünger wird wohl recht haben, dass das Leben nie nur auf Vernunft, Kompromiss/Konsens und Sicherheitsstreben beruht, sondern dass zum Leben auch das agṓn gehört: der irreduzible „Kampf“. Und auch in der liberalen Politik geht es nie nur darum, nüchtern Sachprobleme in kleinen Schritten zu lösen. Sondern Politik verstanden als Gestalten und nicht Verwalten bedeutet auch, Konflikte aufzugreifen, Partei zu ergreifen, einen Gegner zu benennen und „bekämpfen“.

Und es gibt in der Tat eine ganze Reihe vernünftiger Denkern, wie etwa Max Weber, Antonio Gramsci, Michel Foucault, Giorgio Agamben und viele mehr, die auch so denken/dachten. Doch Jünger ging es nie um eine Weiterentwicklung bzw. Reform der Demokratie. Jünger ging es um deren Zerstörung. Wie schrieb Walter Benjamin so treffend über einen Sammelband Jüngers: es sei eine unerträgliche Übertragung der „Thesen des l’Art pour l’Art auf den Krieg“ . Krieg des Krieges wegen – das ist Jüngers Basis aller Gesellschaft. Nicht der hehre Versuch des friedlichen Zusammenlebens und der Verständigung in der Demokratie!

ENDSTATION RECHTS.Bayern: Vielen Dank für das Gespräch!

Ein ausführliche Antwort zu Frage 1 gibt es hier als pdf