Biblische Todesdrohung gegen Verantwortliche? Schweinfurt: Pandemieleugner dominieren Protestveranstaltung gegen Anti-Corona-Maßnahmen

Schild gegen Abstandsregeln

Nach 1300 Teilnehmern bei der ersten Kundgebung folgten gestern nur mehr die Hälfte dem Aufruf des Schweinfurter Bündnis gegen die Corona-Maßnahmen auf den Volksfestplatz. Neben einer differenzierten Rede bekamen vor allem Coronaleugner das Wort. Das lässt vermuten, dass sich auch die Gruppe in Richtung Querdenken bewegen wird. Die Polizei achtete konsequent auf die Auflagen. Am Rande sammelten Neonazis Unterschriften.

Richtig eingebunden in die Querdenker-Szene ist das Schweinfurter Anti-Corona-Bündnis SWADS, Abkürzung für „Schweinfurt auf die Straße“, – soweit beobachtet – bislang nicht. Die üblichen Querverweise und Mobilisierungen fehlen. Noch. Inhaltlich präsentiert sich die Gruppe als strikte Gegner jedweder Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Covid-Virus, allerdings ohne das bei Querdenken dominante Narrativ einer „Corona-Diktatur“ zu bedienen, das in permanenten NS-Vergleichen mündet. Diese und andere inhaltlichen Positionierungen haben bekanntlich schon einige Verfassungsschutzämter auf den Plan gerufen. Spätestens seit der Kundgebung in Stuttgart dürften an der Demokratiefeindlichkeit von Querdenken wenig Zweifel bestehen.

Krankenschwester kritisiert Kontrollen ohne Fingerspitzengefühl

Inhaltlich begann die Kundgebung mit differenzierten Reden. Der erste Redner hatte sich die aktuelle Todeszahl zusammengesucht und ohne inhaltlichen roten Faden verglichen. Vorauf er hinaus wollte, blieb unklar. Ihm folgte eine Krankenschwester, die laut eigener Aussage auf einer Onkologiestation arbeitet. Ihr ging es vor allem um Kontrollen ohne Fingerspitzengefühl bei den Anti-Corona-Maßnahmen, wie sie aufgrund des allgemeinen Lernprozesses, auch auf Seiten der Polizei, immer wieder vorkommen dürften.

Auf die Krankenschwester mit differenzierter Rede…

Sie hatte noch offene Fragen zu den Impfstoffen. Sie sei aber bereit, sich impfen zu lassen, wenn der Impfstoff auch die Weitergabe der Krankheit an ihre Patienten verhindere. Die Frage war lange offen, dazu gab es kürzlich vielversprechende Studien. Sie wollte aber explizit weder Corona leugnen, noch durch den Vergleich mit der Grippe verharmlosen, auch wenn die Influenza zu schweren Verläufen oder Todesfällen führen könne. Die Rede erhielt Applaus.

Dann übernahmen die Corona-Leugner

Der nachfolgende Redner, Anwalt Georg Dierkes aus Würzburg, machte das genaue Gegenteil: Corona leugnen. Für ihn war alles eine Lüge. Das Virus sei nicht nachweisbar. Der PCR-Test sei „Scharlatanerie in Reinform“, die Krankheit Covid-19 „letztlich eine Lüge“ und auch die Frage, ob Viren überhaupt im menschlichen Körpern für Atemwegserkrankungen verantwortlich sein könnten, war für ihn offen. Auf welche „Studien, medizinischen Dokumente und neueste Forschung aus dem März 2021“ er sich stützt, verriet er nicht. Dass jeder die Krankheit bekommen und weitergeben könne, war für ihn „die größte Lüge überhaupt“. Die Verantwortlichen in Parlament und Regierung würden aber nicht irren, sondern bewusst „diese Lügen“ zur Verletzung von Menschenrechten – für ihn die „schwersten Menschenrechtsverbrechen des 21. Jahrhunderts“ nutzen, so der Anwalt.

folgte ein Hardcore Coronaleugner, Georg Dirkes aus Würzburg

Ein biblischer Todeswunsch?

Den nächsten Schritt, Anhaltspunkte zu geben, wer das seiner Meinung nach warum mache, ging er dann nicht mehr. Das war der einzige Unterschied zu Querdenken. Er empfahl den Verantwortlichen nur, einmal die Bibel zu lesen. Für ihn waren die für Kinder geltenden Vorsichtsmaßnahmen „eine Verführung zum Bösen“. Und zu diesen Verführern hätte Jesus in der Bibel „klare Worte gesprochen“: „Wer einen von meinen Kleinen, der an mich glaubt zum Bösen verführt, für den wäre es besser gewesen, er wäre bei seiner Geburt mit einem Mühlstein ersäuft worden. Das sollen die sich mal hinter die Ohren schreiben!“.

Auch für dies, im deutlichen Kontrast zur Rede der Krankenschwester stehenden, Aussagen gab es Applaus, sogar deutlich intensiver. Der Versammlungsleiter positionierte sich nicht zu den Widersprüchen.

Auch danach ging es viel um „die Kinder“, ohne dass eines zu Wort kam. Es blieb aber der durchgehenden Leugnung von Corona. Die Sorge vor den Tests überwog die Sorge vor der Krankheit. Eine Mutter rief gegen Ende dazu auf, wenn die Kinder nur getestet in die Schule dürften, dann sollten sie zu Hause bleiben. Für sie war alles eine „Plandemie“. Ein anderer Würzburger Redner lehnte die Tests ohne Symptome ab, weil man ja auch nicht das Auto in die Werkstatt bringe, wenn ihm nichts fehle. Am Montag will SWADS wegen der Testpflicht für Kinder am Landratsamt demonstrieren.

Polizei achtet konsequent auf die Auflagen

Für Unmut sorgte bei den Teilnehmenden das konsequente Vorgehen der Polizei bei Verstößen gegen die Auflagen, die immer wieder durch die Menge ging, Maskenverweigerer ansprach und auch aus der Menge führte. Ein ältere Frau ließ sich tragen. Das führte zu teilweise heftigen Beleidigungen gegen die eingesetzten Beamten bis hin zu „Schande“,„Drecksäcke“ und „SSler“. Ein Würzburger Redner brachte die Beamten in die Nähe der „Mauerschützen“. Die hätten auch nicht auf ihr Gewissen gehört und nur Befehle befolgt. Für ihn waren die Maßnahmen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, ein Begriff zu Bewertung vor allem des NS-Unrechts.

Motive aus dem Shop des Hallenser Rechtsextremisten Sven Liebich

Die unterfränkische Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Neuralgisch war die Nähe zum Schweinfurt Impfzentrum am anderen Ende des Volksfestplatzes. Auch war die angedachte Demonstration verboten und die Versammlung auf eine stationäre Kundgebung beschränkt worden. Pandemieleugner hatte diese Verbote anderenorts immer wieder ignoriert.

Neonazis sammeln Unterschriften

Optisch dominierte wie bei den Protesten üblich ein bürgerliches Spektrum über alle Altersschichten. Zudem gab es aus dem Querdenken-Spektrum bekannte Aufkleber und Buttons, bis hin zu Werbemitteln aus dem Shop des Hallenser Rechtsextremisten Sven Liebich. Bereits vor Beginn der Versammlung waren einige Aktivisten der Neonazi-Partei III.Weg vor Ort und sammelten unter den bereits eingetroffenen Teilnehmenden Unterschriften. Eine angesprochene Frau erklärte gegenüber ENDSTATION RECHTS. Bayern, es gehe um die Gründung einer Partei, die gegen Corona sei.

Vermutlich dienen die Unterschriften dem Wahlantritt der bayerischen Landesliste. Hierfür müssen die Neonazis laut ihrer Homepage 2.000 Unterschriften sammeln. Zwei Aktivisten, darunter Listenkandidat Roger Kuchenreuther, wurden des Platzes verwiesen und waren auch kurz in einer Kontrolle der Polizei. Der Versammlungsleiter distanzierte sich zu Beginn der Versammlung von der Unterschriftensammlung, erwähnte allerdings den politischen Hintergrund der Aktivisten nicht. Eine vertane Chance, um die Leute zum Nachdenken zu bringen, was sie da unterschrieben hatten.

Bundestagskandidat in spe Roger Kuchenreuther sammelte Unterschriften

Für den 8.Mai soll in Schweinfurt eine zentrale Kundgebung der Querdenker-Bewegung stattfinden. SWADS ist laut eigener Auskunft nicht mit eingebunden, die Veranstaltung gehe eher von den Würzburger Gruppen aus.

Ganzes Album auf FLICKR