Nürnberger Ableger ernüchtertQuerdenker schwächeln

Querdenker am Nürnberger Volkfestplatz unweit des ehemaligen NS-Parteitagsgeländes

Nur 800 Teilnehmer (unsere Schätzung) kamen gestern zur Kundgebung von Querdenken911 nach Nürnberg auf den Volksfestplatz. Die Veranstalter hatten sich vor Gericht 3.500 erlaubte Anwesende erstritten. Die Reden waren dementsprechend pessimistisch. Der Nürnberger Ableger von Querdenken will nun auch keine Demonstrationen mehr anzeigen, sondern «anderweitig» wirken. Laut Haintz führe auch Querdenken schon intern Strategiediskussionen, weil die Bewegung aktuell die Menschen nicht mehr auf die Straße bekäme.

Was bei den Reden insgesamt auffiel: Weder Querdenken-Gründer Michael Ballweg noch Anwalt Markus Haintz machten in ihren Reden sonderlich Werbung für das im Messenger / Sozialen Netzwerk Telegram massiv beworbene Vier-Tages-Event der Szene über Pfingsten in Berlin. Es war dagegen immer wieder von Atempause die Rede und die Konzentration auf Veranstaltungen im August in Berlin zu den Jahrestagen der beiden Großdemonstrationen 2020. Ein Redner aus dem Nürnberger Orga-Team, laut eigenen Angaben auch Anwalt, beklagte, dass es neue Konzepte brauche, weil es zuletzt immer weniger gelungen sein, die Polizei auszutricksen.

Virus-Leugnung und psychologische Kriegsführung

Trotz der Aussage, Querdenken leugne nicht Corona, sondern kritisiere «nur» die unverhältnismäßigen Maßnahmen der Regierung (Ballweg) boten die Veranstalter erneut Stefan Lanka eine Bühne. Bei seiner Rede in Stuttgart hatte er sich zentral auf Ryke Geerd Hamer und dessen neue Germanische Medizin bezogen. Lanka gilt als Anhänger dieser Thesen. Lanka leugnet nicht nur Sars-Cov-2, sondern auch das Masern und AIDS-Virus. Er erhielt dann auch Applaus für seine Aussage, Viren seien nur sowas wie eine Idee. Nach seinem Auftritt dozierte er nicht corona-konform noch für einige Gruppen im Backstage-Bereich.

Stefan Lanka bei Querdenken in Nürnberg auf der Bühne. Viren waren für ihn nur eine Idee.

Markus Haintz nutzte seine Redezeit, um erneut Urteile der Justiz zu delegitimieren, wenn sie nicht nach seinem Gusto ausfielen. Die Querdenker-Bewegung hätte «keine schlechten Juristen», sondern die träfen auf «schlechte Richter und ein schlechtes Justizsystem». Die Justiz sei genauso kriminell und korrupt wie andere Teile der Gesellschaft. Prozesse will er nur noch zu dem Zweck führen, um das „Unrecht zu dokumentieren“ und die Verantwortlichen eines Tages zur Verantwortung zu ziehen. Hier bezog er sich explizit auf Nürnberg als Ort, wohl in Anspielung auf die Nürnberger Prozesse. «Nürnberg 2.0″ ist nicht nur bei der extremen Rechten ein beliebtes Schlagwort, sondern auch bei Querdenken.

Lobende Worte fand er für den rechtsaußen angesiedelten Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider. Der Jurist war zusammen mit Götz Kubitschek, Jürgen Elsässer und anderen Mitbegründer der mittlerweile vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestuften neurechten NGO «Ein Prozent». Haintz habe Vorlesungen von ihm im Rahmen seines Studium in Erlangen gehört. Haintz sprach offiziell von psychologischer Kriegsführung gegen den Staat.

Bagatellisierung der NS-Verbrechen

Er verteidigte Haintz auch die bei Querdenken zu den Grundnarrativen gehörenden Vergleiche der heutigen Zeit mit dem Nationalsozialismus, durch die die Gewalt- und Willkürherrschaft samt Holocaust massiv bagatellisiert werden. Zwei Teilnehmer trugen «passend» dazu Schilder mit den Aufschriften «Impfen macht frei» bzw. «Testen macht frei» wohl in Anspielung auf die zynische Losung «Arbeit macht frei» an den Eingangstoren diverser Konzentrationslager.

Polizei und nicht die Ordner mussten für die Einhaltung der Maskenpflicht sorgen

Die für die Veranstaltung geltende Auflage, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, wurde nur stellenweise eingehalten. Die Kontrolle oblag hierfür soweit beobachtet alleine der Polizei, selbst Ordner mussten von den Einsatzkräften an die Auflagen erinnert werden. Immer wieder wurden auch Teilnehmer mit grobmaschigen Fake-Masken (SolidFacts) gesehen. Die Polizei schätzte die Teilnehmendenzahl auf 1200 an. Der angekündigte Querdenken-Aktivist Samuel Eckert war nicht vor Ort. Es sprachen u.a. noch der suspendierte Polizist Bernd Bayernlein und der Medienaktivist Elijah Tabere.

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