Bekannte Rechtsextreme nahmen teilWien: „Mega-Demo“ von Impfgegnern blieb hinter Erwartungen zurück

Blick auf die Kundgebung an der Karlskirche

Pandemieleugner und Impfgegner um den ehemaligen Kärtner Landtagsabgeordneten Martin Rutter hatten nach längerer Pause wieder zu einer Demonstration in Wien aufgerufen. Eine „Mega-Demo für die Freiheit“ sollte es werden. Letztendlich bewegte sich die Zahl der teilnehmenden Personen im unteren vierstelligen Bereich.

Die Organisatoren muteten ihren Anhängern ein anstrengendes Programm zu. Von einem Park in der Nähe der Hauptbahnhofes ging es zunächst zur Karlskirche. Dort standen für Stunden Reden auf dem Programm, die allerdings kaum neue inhaltliche Impulse lieferten, sondern altbekannte Narrative abspielten.

Thema Impfung dominiert

Der ehemalige Landtagsabgeordnete Martin Rutter stellte etwa Behauptungen in den Raum, viele Geimpfte würden die Impfung inzwischen bereuen. Auch Monika Donner, Juristin im Verteidigungsministerium, hielt eine Ansprache. Die Reden enthielten mehrfach verschwörungsideologische Inhalte: Ein Redner, der für seine Aussage Applaus bekommen hatte, er wünsche sich mehr Engagement der Kirchen gegen die Corona-Maßnahmen, nahm gleich im Anschluss Bezug zu den „Georgia Guidestones“ als die „zehn Gebote der Neuen Weltordnung“.

Martin Rutter bei seiner Rede (mit Moderator Hannes Brejcha)

Inhaltlich stand das Thema Impfung im Vordergrund, gerade mit Bezug auf Impfstoffe für Kinder und die Frage nach Beschränkungen für Personen ohne 3G/2G-Nachweise. Diese medizinischen Themen haben momentan andere Verschwörungsnarrative in den Hintergrund gedrängt, etwa die Erzählung vom „Great Reset“, auf den einzelne Personen mit Schildern anspielten.

Bekannte Rechtsextreme unter den Teilnehmenden

Die Organisatoren hielten eine pro forma Abgrenzung für offenbar nicht nötig. Alle seien auf der Demo willkommen, „von ganz links bis nach ganz rechts“. Die Formulierung wird bekanntlich fast ausschließlich von Rechtsextremen als explizite Einladung verstanden. Und die kamen dann auch: Österreichs bekanntester Neonazi Gottfried Küssel hielt sich länger gut sichtbar bei der Bühne auf, auch der Identitäre Martin Sellner zeigte sich in der Menge.

Gottfried Küssel (weißes Hemd, schwarze Hose) direkt an der Bühne

Aus Bayern angereist war der kürzlich aus der Haft entlassene NPD-Aktivist Peter M., zeitweise unterwegs mit dem nach einer Friedhofsschändung verurteilten Marko H. Vereinzelt wurden Shirts des mit der Identitären Bewegung verbundenen „Wiener Widerstand“ getragen, QAnon-Symbolik oder trotz Symbolegesetz noch Buttons der Identitären Bewegung. Hauptredner Martin Rutter kann selbst der extremen Rechten zugeordnet werden. Er flog wegen der Verbreitung rechtsextremer Verschwörungserzählungen aus dem Team Kärnten und kandierte als Spitzenkandidat für die inzwischen irrelevante FPÖ-Abspaltung BZÖ.

„Pflegedemo“ schloss sich an

Österreichs Pandemieleugner sind oder waren untereinander ein Zeit zerstritten. Parallel zur „Mega-Demo“ von Rutter gab es eine Kundgebung des „Medizinischen Personals gegen den Impfzwang“. Die beiden Organisatorinnen Ursula Puffing und Katja Reithofer grenzten sich einige Tage vorher noch lautstark von Rutter ab. „Eine Zusammenarbeit wird es jetzt oder in Zukunft niemals geben!!!“, hieß es auf Telegram.

Distanzierung innerhalb der Szene, letzten Mittwoch noch so von Alexander Ehrlich geteilt – Screenshot Telegram

Auch Alexander Ehrlich von der Initiative Honk vor Hope grenzte sich ab und warb für eine internationale Kundgebung in Brüssel . Die Distanzierung „jetzt oder in Zukunft“ hielt offenbar nur bis Samstagmittag. Nachmittags zog das „Pflegepersonal“ ebenfalls zur Karlskirche und schloss sich der Versammlung von Rutter an.

Ausbruchsversuche bei anschließender Demonstration zum Westbahnhof

Nach den Reden ging es über die Linke Wienzeile zum Westbahnhof. Einzelne Wortführer, teilweise vermummt, versuchten von Beginn an, andere Routenführungen zu erzwingen und auszubrechen. Allerdings schlossen sich ihnen nach dem langen Tag und der Hitze zu wenige an, so dass die Polizei die Ausbruchsversuche immer wieder schnell einfangen konnten.

An der Spitze der Demonstration bestimmten teilweise vermummte Aktivisten das Bild

An einer weiteren Stelle kurz vor dem Ziel, der zum Ausbruch eingeladen hätte, standen zwei Wasserwerfer parat, laut Meldungen die beiden einzigen, die Österreich besitzt. Am Ende des Zuges herrschte bei den Teilnehmenden kurz Uneinigkeit, ob der Demotag schon zu Ende sein sollte. Einzelne mit Megafon warben für weitere Kundgebungen und „Spaziergänge“, konnten allerdings nicht mehr genug Gleichgesinnte finden, so dass sich das Versammlungsgeschehen langsam auflöste.

Die Arbeitsbedingungen für Medienschaffende waren höchst unterschiedlich. Ein Kamerateam von „Servus TV“ wurde bei der Demonstration zur Karlskirche aus dem Zug heraus gefeiert. Der Sender hatte in der Vergangenheit Wortführern der Szene, wie etwa dem emeritierten Professor Sucharit Bhakdi, gleichberechtigt eine Bühne geboten, obwohl seine Thesen in der wissenschaftlichen Community auf Ablehnung stoßen. Auch zu Beginn der Kundgebung wurde die Mitarbeiter explizit zur Bühne gerufen.

Dagegen berichtete ein Team von oe24.at von Anfeindungen gegen ihre Arbeit. Am Ende der Demonstration am Westbahnhof skandierte ein Teilnehmer der Journalistin aus wenigen Zentimetern Abstand lautstark „Lügenpresse“ direkt ins Gesicht und in die Kamera. Auch Fotojournalisten und freie Journalisten wurden immer wieder verbal anfeindet und zum Teil attackiert. Kurz nach Start der zweiten Demo zogen die Polizeibeamten einen Verdächtigen, der kurz vorher ein Medienteam angegriffen hatte.

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